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F. ( gelöscht )
Beiträge:

01.04.2002 02:36
RE: [Exzerpt] Schizoide Persönlichkeitsstruktur Thread geschlossen

Die schizoiden Persönlichkeiten

»Auf, laß uns anders werden als die Vielen,
die da wimmeln in dem allgemeinen Haufen.«

(Spitteler)



Wir wollen uns nun den Persönlichkeiten zuwenden, deren grundlegendes Problem – von der Seite der Angst her gesehen – die Angst vor der Hingabe ist und die zugleich – von der Seite der Grundimpulse her betrachtet – den Impuls zur »Eigendrehung«, das hieße psychologisch also: zur Selbstbewahrung und Ich-Abgrenzung, überwertig leben. Wir nennen sie die schizoiden Menschen.

Wir alle haben den Wunsch, ein unverwechselbares Individuum zu sein. Wie sehr,.merken wir etwa daran, wie empfindlich wir reagieren, wenn jemand unseren Namen verwechselt oder entstellt: wir wollen nicht beliebig austauschbar sein; wir wollen das Bewußtsein unserer Einmaligkeit als Individuum haben. Das Bestreben, uns von anderen zu unterscheiden, ist uns ebenso mitgegeben wie das dazu gegensätzliche, als soziale Wesen zu Gruppen oder Kollektiven dazuzugehören. Wir wollen sowohl unseren persönlichen Interessen leben dürfen, als wir auch in partnerschaftlicher Verbundenheit und mitmenschlicher Bezogenheit und Verantwortung stehen möchten. Wie wird es sich nun auswirken, wenn ein Mensch, die Hingabeseite vermeidend, vorwiegend die Selbstbewahrung zu leben versucht?

Sein Streben wird vor allem dahin gehen, so unabhängig und autark wie möglich zu werden. Auf niemanden angewiesen zu sein, niemanden zu brauchen, niemandem verpflichtet zu sein, ist ihm entscheidend wichtig. Deshalb distanziert er sich von den Mitmenschen, braucht er Abstand zu ihnen, läßt er sie sich nicht zu nahe kommen, läßt er sich nur begrenzt mit ihnen ein. Wird diese Distanz überschritten, empfindet er das als Bedrohung seines Lebensraumes, als Gefährdung seines Unabhängigkeitsbedürfnisses, seiner Integrität, und wehrt sich schroff dagegen. So entwickelt er die für ihn typische Angst vor mitmenschlicher Nähe. Nun läßt sich aber Nähe im Leben nicht vermeiden, und daher sucht er nach Schutzhaltungen, hinter denen er sich gegen sie abschirmen kann.

Er wird dann vor allem persönlichnahe Kontakte vermeiden, niemanden im Intimen an sich heranlassen. Er scheut Begegnungen mit einem Einzelnen, einem Partner, und versucht, menschliche Beziehungen zu versachlichen. Wenn er sich unter Menschen be[21]gibt, fühlt er sich am wohlsten in Gruppen oder Kollektiven, wo er anonym bleiben kann, und doch über gemeinsame Interessen ein Dazugehören erlebt. Am liebsten hätte er die Tarnkappe des Märchens verfügbar, unter deren Schutz er unerkannt am Leben der anderen teilnehmen und in es eingreifen könnte, ohne etwas von sich preisgeben zu müssen.

Auf die Umwelt wirken solche Menschen fern, kühl, distanziert, schwer ansprechbar, unpersönlich bis kalt. Oft erscheinen sie seltsam, absonderlich, in ihren Reaktionen unverständlich oder befremdend. Man kann sie lange kennen, ohne sie wirklich zu kennen. Hat man heute zu ihnen scheinbar einen guten Kontakt gehabt, verhalten sie sich morgen so, als hätten sie uns nie gesehen; ja, je näher sie uns gerade gekommen waren, um so schroffer wenden sie sich plötzlich von uns ab, uneinfühlbar, oft mit grundlos erscheinender Aggression oder Feindseligkeit, die verletzend für uns ist.

Das Vermeiden jeder vertrauten Nähe aus Angst vor dem Du, vor sich öffnender Hingabe, läßt den schizoiden Menschen mehr und mehr isoliert und einsam werden. Seine Angst vor der Nähe wird besonders da konstelliert, wo jemand ihm oder wo er jemandem zu nahe kommt. Da Gefühle der Zuneigung, der Sympathie, der Zärtlichkeit und Liebe uns einander am nächsten kommen lassen, erlebt er sie als besonders gefährlich. Das erklärt, warum er gerade in solchen Situationen abweisend, ja feindlich wird, den anderen abrupt zurückstößt: Er schaltet plötzlich ab, bricht den Kontakt ab, zieht sich auf sich selbst zurück und ist nicht mehr zu erreichen.

Zwischen ihm und der Umwelt klafft dadurch eine breite Kontaktlücke, die mit den Jahren immer breiter wird und ihn mehr und mehr isoliert. Das hat nun immer problematischere Folgen: Durch die Ferne zur mitmenschlichen Umwelt weiß er zu wenig von anderen; es entstehen zunehmend Lücken in der Erfahrung über sie, und daraus Unsicherheiten im mitmenschlichen Umgang. So weiß er nie recht, was im anderen vorgeht, denn das erfährt man, wenn überhaupt, ja nur in vertrauter Nähe und liebender Zuwendung. Daher ist er auf Vermuten und Wähnen angewiesen in seiner mitmenschlichen Orientierung, und deshalb wieder ZUtiefst unsicher, ob seine Eindrücke und Vorstellungen von anderen, ja schließlich sogar, ob seine Wahrnehmungen nur seine Einbildung und Projektion, oder aber Wirklichkeit sind.

Ein Bild, das wohl Schultz-Hencke zuerst in diesem Zusammenhang gebraucht hat für die Schilderung der Weltbefindlichkeit dieser Menschen, soll das Gemeinte deutlicher machen – wir [22] haben diese Situation alle schon einmal erlebt: Wir sitzen auf dem Bahnhof in einem Zug; auf dem Nachbargleis steht ebenfalls ein Zug; plötzlich bemerken wir, daß einer der beiden Züge sich bewegt. Da die Züge heute sehr sanft und fast unmerklich anfahren, haben wir keine Erschütterung, keinen Ruck verspürt, so daß wir nur den optischen Eindruck einer Bewegung feststellen. Wir vermögen uns nun nicht gleich zu orientieren, welcher der beiden Züge fährt, bis wir an einem feststehenden Gegenstand draußen zu realisieren vermögen, daß etwa unser Zug noch steht, und der Nachbarzug sich in Bewegung gesetzt hat, oder umgekehrt.

Dieses Bild kann uns sehr treffend die innere Situation eines schizoiden Menschen deutlich machen: Er weiß nie genau – in einem Ausmaß, das alle auch beim Gesunden mögliche Unsicherheit weit übersteigt – ob das, was er fühlt, wahrnimmt, denkt oder sich vorstellt, nur in ihm selbst existiert, oder auch draußen. Durch seinen lockeren Kontakt zur mitmenschlichen Welt fehlt ihm die Orientierungsmöglichkeit in ihr, und so schwankt er in der Beurteilung seiner Erlebnisse und Eindrücke zwischen dem Zweifel, ob er sie als Wirklichkeit hinaus verlegen kann, oder ob sie nur seine »Einbildung« sind, nur seiner Innenwelt angehören: Blickt mich der andere wirklich spöttisch an oder bilde ich mir das nur ein? War der Chef heute wirklich besonders kühl mir gegenüber, hat er etwas gegen mich, war er anders als sonst – oder meine ich das nur? Habe ich etwas Auffälliges an mir, stimmt etwas nicht an mir, oder täusche ich mich, daß mich die Leute so komisch ansehen?

Diese Unsicherheit kann alle Schweregrade annehmen, von immer wachem Mißtrauen und krankhafter Eigenbezüglichkeit bis zu eigentlich wahnhaften Einbildungen und Wahrnehmungstäuschungen, bei denen man dann innen und außen tatsächlich verwechselt, ohne daß die Verwechslung als solche erkannt wird, weil man nun seine Projektionen für die Wirklichkeit hält. Man kann sich vorstellen, wie quälend und zutiefst beunruhigend es sein muß, wenn diese Unsicherheit ein Dauerzustand ist, vor allem, weil man ja gerade wegen des erwähnten Mangels an Nahkontakt, sie nicht korrigieren kann. Denn jemanden darüber zu befragen, ihm seine Unsicherheit und Angst mitzuteilen, würde eine vertraute Nähe voraussetzen; da man diese zu niemandem hat, glaubt man befürchten zu müssen, nicht verstanden, verlacht oder gar für verrückt gehalten zu werden.

Voller Mißtrauen und aus ihrer tiefen Ungeborgenheit heraus, die, wie wir noch sehen werden, sowohl primär Ursache als sekundär auch Folge ihres lockeren mitmenschlichen Kontaktes ist, [23] werden schizoide Menschen zur Sicherung nun besonders stark die Funktionen und Fähigkeiten entwickeln, die ihnen zu einer besseren Orientierung in der Welt zu verhelfen versprechen: Die Wahrnehmung durch die Sinnesorgane, den erkennenden Intellekt, das Bewußtsein, die Ratio. Da sie besonders alles Emotionale, Gefühlshafte verunsichert, streben sie die von Gefühlen abgelöste »reine« Erkenntnis an, die ihnen Resultate zu liefern verspricht, auf die sie sich verlassen können. Man kann schon hier verstehen, daß sich schizoide Menschen vor allem den exakten Wissenschaften zuwenden, die ihnen diese Sicherheit und Abgelöstheit vom subjektiven Erleben vermitteln sollen.

Gegenüber der Entwicklung dieser rationalen Seiten bleibt die des Gefühlslebens zurück; denn dafür ist man auf ein Du, auf einen Partner angewiesen, auf emotionale Bezogenheit und Gefühlsaustausch. So ist es für diese Menschen charakteristisch, daß sie, bei oft überdurchschnittlicher Intelligenzentwicklung, im Emotionalen zurückgeblieben wirken; das Gefühlshafte bleibt bei ihnen oft unterentwickelt, ja zuweilen verkümmert. Das ergibt eine breite Kontaktunsicherheit, die der Grund für unendlich viele Schwierigkeiten im Alltagsleben bei ihnen werden kann; es fehlen ihnen die »Mitteltöne« im mitmenschlichen Umgang, sie haben dafür keine Nuancen verfügbar, so daß ihnen schon einfachste Kontakte zum Problem werden können, Dafür ein Beispiel:

Im Rahmen seiner Ausbildung sollte ein Student ein Referat halten. Kontaktlos, wie er war, zugleich »arrogant« – hinter welcher Haltung er seine Unsicherheit verbarg – kam er nicht auf den Gedanken, einen Kollegen zu fragen, wie so etwas üblicherweise gehandhabt würde. Er quälte sich allein mit Problemen herum, die nur in ihm, nicht in der Sache lagen. Er war sich völlig unsicher darüber, ob seine Ausführungen den Erwartungen entsprechen würden, schwankte in ihrer Beurteilung zwischen Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitsgefühlen, indem sie ihm einmal großartig, ja einmalig-genial erschienen, dann wieder als völlig banal und ungenügend. Es fehlten ihm eben die Vergleiche mit den Referaten anderer. Er meinte, es sei vor den Kollegen peinlich und er würde sich etwas vergeben, wenn er sie um Rat gefragt hätte – er wußte nicht, daß so etwas durchaus üblich war. So hatte er wegen seiner Unbezogenheit ganz überflüssige und Überwertige Angste, die er sich weitgehend hätte ersparen können, wäre er in natürlichem, kollegialem Kontakt gestanden.

Solche und ähnliche Situationen und Verhaltensweisen häufen sich im Leben schizoider Menschen; sie tragen viel dazu bei, ihnen [24] schon banale und alltägliche Situationen ungemein zu erschweren; sie realisieren nicht, daß ihre Schwierigkeiten auf der Kontaktebene liegen und nicht in einem Mangel an Fähigkeiten.



Der schizoide Mensch und die Liebe

Wie schon gesagt, werden dem schizoiden Menschen besonders die Entwicklungsschritte zum Problem, bei denen es um mitmenschlichen Kontakt geht: Der Eintritt in den Kindergarten, in die Klassengemeinschaft; die Pubertät und die Begegnung mit dem anderen Geschlecht; die partnerschaftlichen Beziehungen und alle Bindungen. Da bei ihm jede Nähe Angst auslöst, muß er sich um so mehr zurücknehmen, je näher er jemandem kommt, je mehr er vor allem in die Gefahr des Liebens oder des Geliebtwerdens kommt, das er sich nur als ein Sichausliefern und Abhängigwerden vorstellen kann.

In der Kindheit auftretende Schwierigkeiten im mitmenschlichen Kontakt sollten von Eltern und Erziehern als beginnende schizoide Problematik erkannt werden, die vielleicht noch aufzufangen oder doch gemildert werden kann, bevor sie sich tiefer eingespurt hat: Wenn ein Kind Kontaktschwierigkeiten im Kindergarten oder in der Klasse hat; wenn es keinen Freund findet; wenn es sich als Außenseiter und Einzelgänger erlebt oder von anderen so erlebt wird; wenn ein junger Mensch um die Pubertät herum Beziehungen zum anderen Geschlecht meidet, sich statt dessen in Bücher vergräbt, Kontakten aus dem Weg geht, Basteleien oder sonstige Dinge tut, bei denen er immer allein ist; wenn er schwere weltanschauliche Krisen in dieser Zeit durchmacht, mit einsamen Grübeleien über den Sinn des Lebens, ohne sich mit anderen darüber auszutauschen – all das sind Alarmzeichen, die man verstehen, bei denen sich die Eltern beraten lassen sollten.

Noch problematischer pflegt für schizoide Persönlichkeiten die Zeit der zur Partnerschaft drängenden Nachpubertät zu werden. Denn in der Liebe kommen wir einander am nächsten, seelisch und körperlich. In jeder liebenden Begegnung ist unser Eigen-Sein und unsere Unabhängigkeit gleichsam gefährdet, um so mehr, je mehr wir uns dem Du öffnen, um so mehr aber auch, je mehr wir uns selbst bewahren wollen. Daher werden diese Begegnungen oft zu den Klippen, an denen ihnen ihre Problematik, die bisher viel [25] leicht noch unbewußt, ihnen selbst verborgen war, nun schmerzlich bewußt wird. Wie soll ein solcher Mensch die nun wachsende Sehnsucht nach Nähe und Austausch, nach Zärtlichkeit und Liebe, wie soll er vor allem das aufkommende sexuelle Begehren an einen anderen herantragen? Auf Grund der beschriebenen Kontaktlücken und der fehlenden »Mitteltöne« im mitmenschlichen Umgang, die sich bis zu diesem Alter bereits zu einer weitgehenden Ungeübtheit im Verkehr mit Menschen ausgewachsen haben, ist für ihn das Integrieren der Sexualität besonders schwierig. Ihm fehlen die Zwischentöne des Sich-Verhaltens auch hier: Ihm steht weder die werbenderobernde, noch die verführend hingebende Seite zur Verfügung. Zärtlichkeit, verbaler oder emotionaler Ausdruck von Zuneigung, sind ihm fremd, und ihm fehlt auch weitgehend die Einfühlung, das Sich-in-einen-anderen-versetzen- Können.

Die Lösungsversuche des Konfliktes zwischen dem drängenden Begehren und der Angst vor mitmenschlicher Nähe können verschieden aussehen, Häufig so, daß er sich nur auf unverbindliche, leicht zu lösende, oder auf rein sexuelle Beziehungen einläßt, in denen er die Sexualität von seinem Gefühlserleben gleichsam abspaltet. Der Partner ist für ihn dann nur noch »Sexualobjekt«, das der Befriedigung seiner Sinne dient, darüber hinaus nicht mehr interessiert. Aber auch wegen der emotionalen Unbeteiligtheit sind seine partnerschaftlichen Beziehungen leicht austauschbar. So schützt er sich davor, daß, bei tieferem Sicheinlassen mit dem Du, seine ganze Unbeholfenheit und Unerfahrenheit in Gefühlsdingen offenbar würde, zugleich auch vor der Gefahr des Liebens. Aus dem gleichen Grund pflegt er auch Zeichen der Zuneigung von seiten des Partners abzuwehren – er weiß nicht, wie er sie beantworten soll, sie sind ihm eher peinlich.

Ein Mann ging auf ein Ehevermittlungsbüro und suchte sich nach den ihm vorgelegten Fotografien die Frau aus, die ihm am wenigsten gefiel – sie konnte ihm wenigstens nicht gefährlich werden, konnte keine Liebesgefühle in ihm auslösen.

Eine Frau konnte sich einem Mann nur dann körperlich hingeben, wenn sie wußte, daß sie ihn danach wahrscheinlich nie wieder sehen würde.

Ein verheirateter Mann hatte in der gleichen Stadt, in der er mit seiner Familie wohnte, noch eine geheime Wohnung; in Abständen zog er sich in diese zurück, war dann für jedermann unerreichbar, bis er wieder die Neigung fühlte, zu seiner Familie zu gehen. Er brauchte das, um sich vor zuviel Nähe und dem Gefühls[26]anspruch seiner Frau und seiner Familie abzuschirmen (die ihrerseits gerade wegen diesem Sichentziehen ihn fester zu binden versuchten, damit nun wieder sein Bedürfnis nach seiner Zuflucht verstärkten).


Aus den Beispielen läßt sich ersehen, wie groß die Angst schizoider Menschen ist, sich zu binden, sich festzulegen, abhängig oder überrannt zu werden; nur so lassen sich ihre oft seltsam und unverständlich anmutenden Reaktionen begreifen. Das einzige, was dem schizoiden Menschen wirklich gehört und ihm einigermaßen vertraut ist, ist er selbst; daher seine Empfindlichkeit gegen wirkliche oder vermeintliche Gefährdung seiner Integrität, gegen Übergriffe und ihn überfremdende Einbrüche in seine Distanz, die er braucht, um seinen Halt an sich selbst nicht zu verlieren. Natürlich läßt solches Verhalten eine Atmosphäre von Vertrautheit oder gar Innigkeit gar nicht aufkommen. Aus seinem Lebensgefühl heraus empfindet er Bindungen als Zwang, zu viel von sich aufgeben zu müssen, was natürlich vor allem bei Partnern möglich wird, die viel Zuwendung und Nähe des anderen brauchen. Die Bindungsscheu kann soweit gehen, daß er noch vor dem Traualtar oder dem Standesamt umkehrt.

Ein junger Mann verlobte sich auf das Drängen seiner Freundin sie kannten sich schon seit Jahren, er wollte sich aber nicht binden. Er kam mit den Ringen zu ihr und sie feierten zusammen die Verlobung. Als er ihr Haus verließ, warf er einen bereits vorher geschriebenen Brief in ihren Briefkasten, der die eben geschlossene Verlobung wieder aufhob.

Ähnliche Verhaltensweisen sind bei schizoiden Menschen gar nicht selten. Oft sind sie aus der Ferne gute und zugewandte Briefschreiber, nehmen sich aber im persönlichen Nahkontakt sofort wieder zurück und verschließen sich.

Durch die erwähnte Abspaltung der Sexualität vom Gefühlsleben wird das Triebhafte gleichsam isoliert gelebt; der Partner wird dadurch nicht nur zum »Sexualobjekt«, sondern das ganze Liebesleben kann sich in einem nur noch funktionellen Vorgang erschöpfen. Er kennt dann kein zärtliches Vorspiel, keine Erotik, sondern geht unbekümmert um die Bedürfnisse des Partners direkt auf sein Ziel los. Zärtlichkeit artet leicht in dem Partner Wehtun aus, in harten Zugriff oder sonstiges Zufügen von Schmerzen. Dahinter kann unbewußt der Wunsch nach einer spürbaren Reaktion des Partners stehen. Weiterhin besteht die Neigung, den Partner nach der erreichten Befriedigung baldmöglichst wieder loszuwerden. »Nachher« – gemeint war der Geschlechtsakt – [27] »hätte ich sie am liebsten hinausgeworfen« war der charakteristische Ausspruch eines schizoiden Mannes, der seine Angst vor den Gefühlsansprüchen der Partnerin zeigt.

Schwieriger wird es, wenn der Schizoide die schroffe Ambivalenz zwischen Liebes und Haßgefühlen, seinen tiefen Zweifel in das Geliebtwerdenkönnen, am Partner austrägt. Dann setzt er diesen immer neuen Bewährungsproben aus, fordert von ihm immer neue Liebesbeweise, die seinen Zweifel beheben sollen. Das kann sich bis zum seelischen und zum eigentlichen Sadismus steigern. Sein Verhalten kann dann ausgesprochen destruktiv werden; Liebesbeweise und Zeichen der Zuneigung des Partners werden abgewertet, bagatellisiert, analysiert, angezweifelt oder in diabolisch geschickter Weise als Tendenz umgedeutet. So wird etwa eine spontane Zuwendung des Partners als Ausdruck eines schlechten Gewissens, von Schuldgefühlen oder als Bestechungsversuch (»was willst du damit erreichen?«; »du hast wohl etwas gutzumachen?«) gedeutet. Die meist vorhandene gute theoretischabstrakte psychologische Kombinationsgabe bietet unendliche Möglichkeiten für solche tendenziösen Umdeutungen. In dem Roman »Das Ruhekissen« hat Christiane Rochefort eine solche Beziehung ausgezeichnet geschildert, besonders überzeugend auch dargestellt, wie eine liebesfähige Frau durch den schizoiden Partner mit der Zeit an ihre Toleranzgrenze gebracht wird.

Nicht selten zerstört der schizoide Partner auch alle zärtlichen Regungen bei sich und dem Partner durch Zynismus, um sich von ihnen nicht erfassen zu lassen. In einem Augenblick besonders inniger Zuwendung des Partners, trifft er diesen seelisch an seiner verletzlichsten Stelle, indem er seine Haltung, seinen Gesichtsausdruck oder seine Worte ironisierend ins Lächerliche zieht: »Mach doch nicht so hündisch treue Augen«; »wenn du wüßtest, wie komisch du eben ausgesehen hast«; oder: »laß doch diese albernen Liebesbeteuerungen und kommen wir endlich zur Sache« usf.

Natürlich wird so im Partner systematisch alle Liebesbereitschaft zerstört, es sei denn, daß er eine ungewöhnliche Liebesfähigkeit hat, oder der masochistische Gegentypus ist, der aus Schuldgefühlen, aus Verlustangst oder anderer Motivierung glaubt, das alles mit in Kauf nehmen zu müssen, oder Lust am Gequältwerden empfindet. Sonst muß er sich schließlich zurücknehmen oder zu hassen beginnen, was dann von dem schizoiden Partner mit einem Triumphgefühl erlebt werden kann (»jetzt kommt dein wahres Wesen zum Vorschein«), ohne zu realisieren, wie weit er den anderen durch sein Verhalten erst soweit gebracht [28] hat. Die autobiographischen Romane Strindbergs enthalten viel von solcher schizoiden Tragik, bringen zugleich eindrucksvolle Beschreibungen der lebensgeschichtlichen Hintergründe solcher Persönlichkeitsentwicklungen (z. B. »Der Sohn einer Magd«). Auch Axel Borg, die Hauptgestalt seines Romanes »Am offenen Meer«, ist ein glänzend geschilderter schizoider Mensch, mit deutlich autobiographischen Zügen.

Ist die Gefühlskälte noch weiter fortgeschritten, steigert sie sich ins Extreme und Krankhafte, kann die Grenze zu Vergewaltigungen bis zum Lustmord schmal sein, vor allem, wenn auf den Partner unverarbeitete Haßgefühle und Rachehaltungen unbewußt projiziert, »übertragen« werden, wie die Psychoanalyse es nennt, die ursprünglich den ehemaligen Bezugspersonen der Kindheit gegolten haben. Eine nicht in das Persönlichkeitsganze integrierte, abgespaltene Triebseite ist indessen immer gefährlich; kommt dazu die weitgehende Unfähigkeit, sich in den Partner einzufühlen und die Gefühlsverkümmerung, sind alle Triebverbrechen denkbar.

Aus der Schwierigkeit, mit einem Partner eine Gefühlsverbindung einzugehen, ja überhaupt einen Partner zu finden, suchen Schizoide auch oft, allein auszukommen, gleichsam sich selbst zum Partner zu nehmen in ausschließlicher Selbstbefriedigung. Oder sie weichen auf Ersatzobjekte aus, wie es etwa beim Fetischismus der Fall ist. Natürlich kann sich an solchen Ersatzobjekten ihre Liebesfähigkeit nicht entwickeln, obwohl auch diese Formen gestörter Liebesfähigkeit noch Elemente des Liebenwollens enthalten, noch Ausdruck ihrer suchenden Sehnsucht sind.

Man findet bei schizoiden Menschen nicht selten eine infantil gebliebene Sexualentwicklung auch bei sonst hochdifferenzierten Persönlichkeiten. Die manchmal anzutreffende Wahl geschlechtlich unreifer Kinder oder Jugendlicher als Sexualpartner, läßt sich daraus verstehen, daß der schwer Kontaktgestörte diesen gegenüber weniger Angst hat und mit dem kindlichen Zutrauen rechnen kann.

Manchmal kommt bei ihm die unterdrückte Liebesfähigkeit und Hingabesehnsucht als extreme Eifersucht bis zum Eifersuchtswahn zum Durchbruch. Er spürt, wie wenig liebenswert er sich verhält, wie wenig liebesfähig er ist, und ahnt, daß er so kaum jemanden halten kann. Daher muß er überall Rivalen wittern, die er – oft mit Recht – für bessere Liebende und für liebenswerter hält. Harmlose, ganz natürliche Verhaltensweisen des Partners, werden dann von ihm voller Spitzfindigkeit und Haarspalterei ins Hintergründige, Absichtliche und Dämonische umgedeutet. Das [29] kann sich bis zum Beziehungswahn steigern, die Partnerschaft mit der Zeit unerträglich werden lassen und sie schließlich zerstören, mit einer Lust am Zerstören, unter der er selbst leidet, sich aber nicht anders verhalten kann, Die Motivierung kann dann so aussehen: wenn es schon nicht möglich scheint, daß ich geliebt werden kann, zerstöre ich lieber selbst, was ich doch nicht halten kann dann bin ich wenigstens der Handelnde und nicht nur der Erleidende. So kann man Verhaltensweisen verstehen, daß er gerade da, wo er lieben und geliebt werden möchte, sich besonders wenig liebenswert gibt. Wendet sich dann der Partner von ihm ab, ist ihm das weniger schmerzlich, als wenn er sich wirklich um ihn bemüht hätte, und dennoch verlassen würde. Solche Enttäuschungsprophylaxe ist bei schizoiden Menschen nicht selten; sie enthält – meist unbewußt – zugleich den Aspekt einer Bewährungsprobe für den Partner: Wenn er mich trotz meines Verhaltens noch liebt, liebt er mich wirklich. Überall läßt sich dahinter erkennen, wie schwer es solchen Menschen ist, sich für liebenswert zu halten. In Extremfällen kann das Mißtrauen und die Eifersucht bis zum Mord führen: Wenn der Partner mich nicht liebt, soll er auch keinen anderen lieben können.

Bewußt wird die Hingabeangst von schizoiden Menschen meist nur als Bindungsangst erlebt. Die Sehnsucht nach Hingabe, die ja auch zu unserem Wesen gehört, staut sich durch die Unterdrükkung auf und verstärkt die Angst, so daß Hingabe dann nur noch als völliges Sichausliefern, als Ich-Aufgabe und Verschlungenwerden vom Du vorgestellt werden kann. Dadurch kommt es zu einer Dämonisierung des Partners, die nun rückwirkend wieder die Angst verstärkt, und manche sonst unverständliche Verhaltensweisen schizoider Menschen verständlicher macht, vor allem ihren plötzlichen Haß, der aus dem Gefühl der Bedrohtheit durch ein übermächtiges Du entsteht, ohne daß sie erkennen, daß ihre eigene Projektion dem anderen erst solche Macht verleiht.

So fällt es dem schizoiden Menschen schwer, eine dauerhafte Gefühlsbeziehung zu wagen, Er neigt mehr zu kurzfristigen, intensiven, aber wechselnden Beziehungen. Die Ehe ist für ihn eine Institution mit allen Unvollkommenheiten menschlicher Einrichtungen, daher selbstverständlich auflösbar, wenn sie nicht mehr als befriedigend erlebt wird. Sie sollte den menschlichen Bedürfnissen mehr Rechnung tragen, und an sie angepaßt werden. Untreue ist seiner Meinung nach in einer Dauerbeziehung unvermeidlich; er fordert für sich Freiheit und ist – das allerdings mehr theoretisch und nicht immer so selbstverständlich in der Realität bereit, sie auch dem Partner zuzugestehen. Oft ist er ein [30] Theoretiker der Ehe, ein Ehereformer; zumindest wagt er es, gegen Konventionen und Traditionen seinen eigenen Lebensstil durchzusetzen und nach seiner Uberzeugung zu leben. Darin zeigt er oft mehr Ehrlichkeit und Zivilcourage als viele andere. Manchmal hat er durchaus dauerhafte Beziehungen, schreckt nur vor deren Legalisierung zurück, weshalb es bei ihm häufiger zu eheähnlichen Bindungen kommt ohne Heirat. Bei frühem Ausfall einer Mutterbeziehung oder nach Enttäuschungen an der Mutter, findet man nicht selten Bindungen an ältere, mütterliche Frauen; diese können ihn vieles nachholen lassen, was er als Kind entbehren mußte. Solche Frauen vermögen manchmal Wärme und Geborgenheit zu geben ohne große eigene Ansprüche; es sind schenkende Frauen, die ein unmittelbares Verständnis für seine Situation haben, von ihm nicht erwarten, was er nicht geben kann, und ihn gerade dadurch mehr binden, als er es sonst zulassen könnte. Nur die tiefer Gestörten mit entsprechenden Früherfahrungen entwickeln einen ausgesprochenen Frauenhaß mit Racheimpulsen der Frau gegenüber. Da von dem Schizoiden in seiner Lebensgeschichte das Weibliche als unvertraut und bedrohlich erlebt wurde, finden wir bei ihm nicht selten die Hinwendung zum gleichen Geschlecht; oder sie wählen eine Partnerin, die durch quasi männliche Züge ihm nicht so »ganz anders« erscheint, wie eine sehr weibliche Frau. Die Beziehung ist dann oft eine mehr geschwisterlich-kameradschaftliche, fußt mehr auf gemeinsamen Interessen, als auf der erotischen Anziehung der Geschlechter. In allen Beziehungen erträgt er dauernde Nähe schwer – getrennte Schlafzimmer etwa sind ihm selbstverständliches Bedürfnis, und die Partnerin muß Verständnis dafür haben, will sie ihn nicht in die Abwehr und eine dann erzwungene Distanzierung treiben.

Zusammenfassend können wir sagen, daß der schizoide Mensch aus welchen Gründen, werden wir noch besser verstehen es wohl am schwersten hat, seine Liebesfähigkeit zu entwickeln. Er ist ungemein empfindlich gegen alles, was seine Freiheit und Unabhängigkeit einzuschränken droht; er ist in der Gefühlsäußerung karg und am dankbarsten, wenn ihm der Partner eine unaufdringliche Zuneigung, ein Stück Heimat und Geborgenheit gibt. Wer ihn zu nehmen versteht, kann mit seiner tiefen Zuneigung rechnen, die er nur nicht recht zeigen und zugeben kann.[31]



Der schizoide Mensch und die Aggression

Hier und in den folgenden Abschnitten über die Aggression habe ich es vorgezogen, von Aggression statt von Haß zu sprechen, weil Aggression die häufigste Ausdrucksform des Hasses ist und in ihren verschiedenen Erscheinungsformen einleuchtender zu beschreiben ist. Angst und Aggression hängen eng zusammen; wahrscheinlich lösen ursprünglich Unlust und Angst erst die Aggression aus, wobei Unlust wohl die Vorform, die archaische Form der Angst in unserer Frühzeit ist. In dieser haben wir die späteren Möglichkeiten der Unlustverarbeitung und Angstüberwindung noch nicht zur Verfügung, sondern sind der Unlust und Angst hilflos ausgeliefert. Was sie in der Frühzeit auslöst, sind intensive Frustrationen wie Hunger, Kälte, Schmerzen; Störungen des Eigenrhythmus und der Integrität des Lebensraumes; Überbelastungen der Sinnesorgane und Einschränkung der Bewegungsfreiheit; Uberfremdung des EigenSeins durch zuviel überrennende Nähe und Eingriffe anderer; Einsamkeit. Angst ist in dieser Zeit also vor allem intensive Unlust; in jenen Situationen fallen beim Kleinstkind Angst und Aggression zeitlich praktisch noch zusammen: was Unlust und Angst auslöst, löst gleichzeitig Aggression, Wut aus.

Was hat das Kleinstkind nun für die Angstbewältigung und für die Abfuhr von Unlust zur Verfügung? Zunächst nur ohnmächtige Wut, die sich im Schreien, später im Strampeln und Umsichschlagen, also in motorischer Entladung und Abreaktion äußert. Da es in der Frühstzeit noch keine Unterscheidung von Ich und Du gibt, sind diese Aggressionsäußerungen noch ganz ungerichtet, auf niemanden bezogen – sie sind einfach Abreaktionen von Unbehagen und Unlust zur Entlastung der Befindlichkeit, zur Entlastung des Organismus. Wir können hier von der archaischen Form der Aggression sprechen; sie äußert sich elementar, spontan, unkontrolliert und menschlich noch unbezogen, daher rücksichtslos und ohne Schuldgefühle – diese würden ja eine mitmenschliche Bezogenheit voraussetzen.

Die Intensität der archaischen Angst ist ungemein groß, weil sie, durch die völlige Hilflosigkeit des Kleinstkindes, von ihm als seine Existenz bedrohend erlebt wird, als Bedrohung seines gesamten Daseins. Entsprechend total wird die Aggression und die Wut erlebt – das Kind ist in solchen Situationen »ganz Wut« oder »ganz Angst«, nur noch besessen von dem Drang, sie abzureagieren, sie loszuwerden, Reflexhaftes sich Zusammenziehen, [32] sich Zurücknehmen von der Welt, oder der beschriebene Bewegungssturm sind wohl die beiden Urformen der Reaktion auf Angst und Unlust auch bei anderen Lebewesen: die Flucht nach hinten, das sich Zurücknehmen bis zum Totstellreflex, oder die Flucht nach vorn, der Bewegungssturm, der Angriff.

Bleibt nun ein schizoider Mensch weiterhin bindungslos, erlebt er sich auch weiterhin als ungeborgen, ungeschützt, ausgesetzt und gefährdet, wird er wirkliche oder vermeintliche Angriffe und Bedrohungen weiterhin als seine gesamte Existenz gefährdend erleben. Dementsprechend sind seine Reaktionen darauf noch ganz archaisch im oben beschriebenen Sinne: sofortige rücksichtslose Aggression, die nur bedacht ist auf das Beseitigen der Angst bzw. des Angstauslösers, auf die Entlastung seiner Befindlichkeit » to get it out of one's system« sagen die Engländer sehr treffend.

Man kann sich wohl vorstellen, wie gefährlich diese archaischen schizoiden Aggressionen werden können, die aus dem Gefühl der existenziellen Bedrohtheit bei Menschen stammen, die kaum Bindungen kennen. Sie werden bei ihnen durch nichts gehalten, gebunden, sie sind nicht integriert in ihre Gesamtpersönlichkeit. So bleiben sie elementare Triebabfuhr ohne Rück-sicht. Wie wir es schon bei der Sexualität gesehen hatten, bleibt auch ihre Aggression, bleiben ihre Affekte vom Gesamterleben isolierte, abgespaltene, rein triebhafte Abreaktion, sind nicht eingeschmolzen in ein ganzheitliches emotionales Erleben. Da es ihnen auch weitgehend an Einfühlung mangelt, sind praktisch keine bremsenden Kräfte vorhanden. So dient die Aggression weiterhin nur der Entlastung von Spannungen, wird unkontrolliert und ohne Schuldgefühle ausgelebt. Hinzu kommt, daß schizoide Menschen aus ihrer mitmenschlichen Unbezogenheit heraus keine Vorstellung von der Wirkung ihrer Affekte und Aggressionen auf andere haben sie haben sich ja »nur« abreagiert; der andere ist ihnen dabei gar nicht so wichtig gewesen. Daher sind sie oft zu scharf, verletzend und brüsk, ohne es zu wissen, In einer Tageszeitung war zu lesen, daß ein Jugendlicher einen Knaben umgebracht hatte. Auf die Frage nach seinen Motiven gab er achselzuckend zur Antwort, er hätte keine besonderen Gründe gehabt – der Junge habe ihn irgendwie gestört. So gefährlich kann eine isolierte, vom Gesamterleben abgespaltene, durch nichts gebundene Aggression werden, die aus einer Bereitschaft zum Haß kommt, die durch kleinste Anlässe ausgelöst werden kann, Sie kann sich verselbständigen und alle denkbaren Extremformen annehmen, besonders, wenn sie sich mit dem ebenfalls nicht integrierten Sexual[33]trieb verbündet. Das »Selbstporträt des Jürgen Bartsch« gibt davon ein erschütterndes Zeugnis.

Der amerikanische Psychiater Kinzel hat an Gefangenen festgestellt, daß die Aggressiven unter ihnen (violent men) einen doppelt so großen Schutzkreis (circle of protection) hatten, wie die nicht Aggressiven. Die Aggressiven – wir würden sie unter die Schizoiden rechnen – reagierten beim Überschreiten dieses Schutzkreises, dieser unsichtbaren, imaginären Grenze durch einen anderen, mit Panik, die sofort in wilden Angriff umschlug. Ein eindrucksvolles Beispiel für schizoide Weltbefindlichkeit, die ein Patient einmal so formulierte: »Wenn man meine Distanz durchbricht, kommt Haß auf.« Man wird an die von Konrad Lorenz beschriebenen Reaktionen bei Tieren erinnert, die mit heftiger Aggression den angreifen, der ihre Reviergrenze übertritt (Konrad Lorenz: »Das sogenannte Böse«).

Seine mitmenschliche Ungeborgenheit und Bindungslosigkeit, sowie das aus ihnen resultierende Mißtrauen, lassen den schizoiden Menschen die Annäherung eines anderen als Bedrohung erleben, die er zuerst mit Angst, der sofort die Aggression folgt, beantwortet. Dieses Lebensgrundgefühl Schizoider macht manche oft unverständlichen Reaktionen verstehbar. Eine archaische, nicht integrierte, abgespaltene Aggression kann bis zur Gewalttätigkeit gehen, die einen anderen wie ein lästiges Insekt beseitigt, wenn man sich durch ihn bedrängt fühlt. Wie alle ungebundenen, vom Gesamterleben abgespaltenen Triebe, kann sich auch die Aggression gefährlich verselbständigen und dann ins Asoziale oder Kriminelle führen.

Aber auch abgesehen von solchen Extrembeispielen ist es für schizoide Menschen nicht leicht, ihre Aggressionen zu kontrollieren. Sie selbst leiden im allgemeinen nicht unter ihnen, um so mehr leidet aber ihre Umwelt. Was ursprünglich Angstabwehr war, kann bei ihnen zur lustvollen Aggressivität werden, die dann um ihrer selbst willen ausgeübt wird, bis zu allen möglichen Formen der Grausamkeit, des Sadismus. Schroffheit, plötzliche verletzende Schärfe, eisige Kälte und Unerreichbarkeit, Zynismus und sekundenschnelles Umschlagen von Zuwendung in feindselige Ablehnung sind ihre häufigsten Ausdrucksmöglichkeiten von Aggressionen. Ihnen fehlen auch hier die »Mitteltöne« beherrschter, gekonnter, situationsangemessener Aggression – letzteres allerdings nur von außen gesehen, denn aus ihrem Erleben heraus finden sie ihr Verhalten durchaus situationsadäquat.

Bei schizoiden Menschen hat aber die Aggression oft noch eine andere Funktion, als die der Abwehr und des Schutzes. Im Sinne [34] der Urbedeutung des Wortes ad-gredi = an jemanden herangehen, ist sie für ihn ein Mittel, Kontakt aufzunehmen, oft das einzige, das ihm hierfür zur Verfügung steht. Aggression kann bei ihm daher eine Form der Werbung sein, die uns vergleichsweise erinnert an die noch ungekonnten Versuche der Annäherung an das andere Geschlecht, wie sie für die Pubertät charakteristisch sind. Hier wie beim Schizoiden besteht die gleiche Mischung aus Angst und Begehren, das Verbergen der Gefühle, das rauhe, aggressive Anfassen statt der nicht gewagten oder nicht gekonnten Zärtlichkeit, die Angst, sich zu blamieren, die Bereitschaft, sich sofort zurückzunehmen, das Umschlagen von Zuneigung in Abneigung und der Zynismus bei wirklichem oder vermeintlichem Abgelehntwerden.

Es ist für den Umgang mit schizoiden Menschen wichtig, zu wissen, daß bei ihnen Aggressionen auch diese Bedeutung einer Werbung haben können. Aggressivität fällt ihnen leichter, als das Äußern von Zuneigung und anderen positiven Gefühlen. Auf Grund ihrer großen Lücken im mitmenschlichen Kontakt haben sie auch hier eine breite Unsicherheit. Aus der psychotherapeutischen Arbeit mit ihnen wissen wir, daß, wenn man ihnen in gleichmäßiger Zuwendung die Zeit dafür läßt, ihre Kontaktlücken aufzufüllen, es ihnen am ehesten möglich wird, ihre Aggressionen zu integrieren, es zu lernen, mit ihnen adäquat umzugehen.



Der lebensgeschichtliche Hintergrund

Wie kann es nun zu schizoiden Persönlichkeitsentwicklungen kommen, zu jener Überwertigen Angst vor der Hingabe und, entsprechend, zu dem Überwertigen Betonen der »Eigendrehung«, der Selbstbewahrung?

Konstitutionell entgegenkommend ist dafür einmal eine zartsensible Anlage, eine große seelische Empfindsamkeit, Labilität und Verwundbarkeit. Als Selbstschutz legt man dann eine Distanz zwischen sich und die Umwelt, weil man zu große physische und psychische Nähe wegen der radarähnlich fein reagierenden Sensibilität und gleichsam Durchlässigkeit als zu »laut« empfindet. So ist für den Schizoiden die Distanz notwendig, damit er überhaupt der Welt und dem Leben gewachsen ist. Die Distanz schafft ihm die Sicherheit und den Schutz, nicht von anderen überfrem[35]det, überrannt zu werden; er ist von der Anlage her gleichsam ein zu offenes System, zu »hautlos«, muß sich daher abgrenzen und teilweise verschließen, um nicht von der Fülle aller aufgenommenen Reize überschwemmt zu werden.

Die andere Möglichkeit ist die, daß eine besonders intensive motorisch-expansive, aggressiv-triebhafte Anlage vorliegt, eine geringe Bindungsneigung oder -fähigkeit, Anlagen, durch die man von früh an leichter als lästig oder störend empfunden wird. Dann macht man immer wieder die Erfahrung, daß man abgewiesen, zurechtgewiesen, in seiner Eigenart nicht bejaht und angenommen wird, und entwickelt daran das mißtrauische Sichzurücknehmen, das für diese Menschen so charakteristisch ist, zu einem typischen Wesenszug von ihnen wird.

Nicht eigentlich zur Konstitution im eben verwendeten engeren Sinne zu rechnen, aber doch im Körperlichen liegend, zugleich aber bereits deutlicher auf die Umwelt als auslösenden Faktor weisend, wären körperliche oder sonstige Wesensmerkmale zu nennen, durch die ein Kind von Anfang an die Erwartungen und Wunschvorstellungen seiner Eltern, vor allem der Mutter, enttäuscht. Das kann schon darin liegen, daß es nicht das erwünschte Geschlecht hat, aber auch an beliebigen anderen physischen Merkmalen, die es der Mutter schwer machen, ihm die Zuwendung und Zuneigung zu geben, die es hier braucht; auch unerwünschte Kinder sind hier zu erwähnen.

Zu diesen konstitutionellen Aspekten – bei denen aber oft die Reaktion der Umwelt darauf mehr für die schizoide Entwicklung verantwortlich zu sein pflegt, als die Anlage selbst , kommen aber nun Umweltfaktoren als wesentlichste Auslöser schizoider Persönlichkeitsentwicklungen hinzu, Um das besser verstehen zu können, müssen wir uns die Situation des Kindes nach der Geburt und in den ersten Lebenswochen vor Augen führen.

Im Gegensatz zu anderen Lebewesen, ist das Kind nach der Geburt in einer sehr lange währenden extremen Hilflosigkeit und völligen Abhängigkeit von seiner Umgebung, Adolf Portmann hat in diesem Zusammenhang vom Menschen als einem zu früh Geborenen gesprochen.

Damit sich das Kind allmählich vertrauend der Umwelt zuwenden und die erste Du-Findung vollziehen kann, muß ihm diese Umwelt annehmbar und vertrauenerweckend erscheinen. Annehmbar im Sinne von altersgemäß seinen Bedürfnissen entsprechend. Das Kleinstkind braucht eine Atmosphäre, die man am ehesten als Geborgenheit, sich Aufgehobenfühlen, sich Behaglichfühlen beschreiben kann, als Eingebettetsein in ihm angemessene Lebens[36]bedingungen. Diese »paradiesische« Phase selbstverständlich erfüllter Bedürfnisse sollte es erleben dürfen, weil erst aus solchem Urvertrauen es allmählich wagen kann, die Hingabe an das Leben zu riskieren, ohne die Angst, vernichtet zu werden.

Seltsamerweise haben wir von diesen dem Kleinstkind nötigen Lebensbedingungen lange nur sehr unbestimmte Vorstellungen gehabt; meist wurde die Differenziertheit und Wahrnehmungsfähigkeit des Säuglings weit unterschätzt, die Wirkung von Außeneinflüssen auf ihn ebenfalls. Sehr eindrucksvoll dafür sind die Untersuchungen des schweizer Kinderarztes Stirnimann an Neugeborenen. Aus seinem Buch »Psychologie des neugeborenen Kindes< nur ein paar Zitate dafür: »In durchaus seriösen Büchern . . . wird die Schmerzempfindung bis zur 6. Woche für ausgeschlossen gehalten; . . . Daß dies nicht der Fall ist, beobachtete ich bei Injektionen, bei denen ich mit der Sicherheit eines Experimentes . . . voraussagen konnte, daß Neugeborene bei der zweiten Injektidn am folgenden Tage schon bei der Desinfektion weinen.« Und über das Gedächtnis: ». , , es gibt auch eine vorgeburtliche Erinnerung: Kinder von Wirtsfrauen sind nach den Beobachtungen unserer Nachtschwestern oft bis nach Mitternacht wach, ohne dabei zu schreien, während Kinder von Bäckersfrauen morgens 2 bis 3 Uhr häufig unruhig werden. Durch die Tagesarbeit und die Nachtruhe der Mutter hat sich das Kind vor der Geburt schon an den rhythmischen Wechsel zwischen Bewegung und Ruhe gewöhnt.«

Hier ist offensichtlich noch viel zu erforschen; mit Sicherheit dürfte aber aus diesen und anderen Beobachtungen Stirnimann's hervorgehen, daß wir das Empfindungs-, Wahrnehmungs-, und Gefühlsleben des Neugeborenen weit unterschätzt haben. Sachgemäße Säuglingspflege, Ernährung und Hygiene schienen lange Zeit das Wichtigste und völlig Ausreichende für das Kleinstkind zu sein. Erst durch die sorgfältige Erforschung der frühen Kindheit, vor allem auch durch die Psychoanalyse Freud's und seiner Schüler, haben wir hier ganz neue Einsichten gewonnen, ergänzt durch die Verhaltensforschung. Wir verdanken ihnen das Wissen um die prägende Bedeutung von Ersteindrücken und Früherfahrungen, besonders auch das Wissen um die Bedeutung der ersten Lebenswochen.

Zwar hatte schon Goethe (Gespräch mit Knebel 1810) die gleiche Erkenntnis gehabt, wenn er sagte: »Ein Grundübel bei uns ist, daß auf die erste Erziehung zu wenig gewandt wird. In dieser aber liegt größtenteils der ganze Charakter, das ganze Sein des künftigen Menschen«. Solche intuitiven Einsichten blieben aber verein[37]zelt und es wurden nicht die nötigen Folgerungen daraus gezogen.

Heute wissen wir, daß die erste Umwelt dem Kinde neben der erwähnten unerläßlichen Säuglingspflege auch emotionale Wärme, Zuwendung, ein ihm angemessenes Maß sowohl an Reizen wie an Ruhe und eine gewisse Stabilität des Lebensraumes bieten muß, damit es sich vertrauend und aufgeschlossen antwortend zu ihr einstellen kann. Von großer Wichtigkeit ist dabei besonders, daß das Kind genügend körpernahe Zärtlichkeit erlebt.

Erfährt das Kind dagegen in dieser Frühstzeit die Welt als unheimlich und unzuverlässig, als leer, oder aber als überrennend und überschwemmend, wird es sich von ihr zurücknehmen, abgeschreckt werden. Anstatt sich vertrauend der Welt zuzuwenden, wird es ein ganz frühes und tiefes Mißtrauen erwerben. Sowohl die Leere der Welt, die das Kind erlebt, wenn es zu oft und zu lange allein gelassen wird, als auch ein Ubermaß an Reizen und wechselnden Eindrücken, oder eine zu große Intensität der Reize, wirken schizoidisierend auf es; es wird dann bereits im ersten Ansatz seiner Weltzuwendung gestört und gleichsam auf sich selbst zurückgeworfen.

René Spitz hat in seinen Untersuchungen an Heimkindern gezeigt, daß Kinder, die in den ersten Lebenswochen zu lange von der Mutter getrennt wurden, und so einen ganz frühen Ausfall an mütterlicher Zuwendung erlebten, schwere bis irreparable Schädigungen in ihrer Entwicklung nahmen – selbst bei bester Ernährung und einwandfreien hygienischen Bedingungen, die sie in einem Heim vorfanden, in dem 10 Kinder auf eine Kinderschwester kamen. Alle ganz früh vernachlässigten oder durch ein Reizüberangebot verschreckten Kinder, werden zumindest erhebliche Verspätungen, Einseitigkeiten, Ausfälle oder nicht altersangemessene Frühreife in ihrer Entwicklung aufweisen, weil sie die hier notwendigen Lebensbedingungen nicht oder nicht ausreichend erhielten, und dadurch altersunangemessenen Angsten ausgesetzt waren.

Besonders leicht kommt es zu solchen frühen schizoidisierenden Schädigungen auch bei den von Anfang an ungeliebten oder unerwünschten Kindern; weiter bei solchen, die frühen Trennungen etwa durch längeren Klinikaufenthalt wegen Erkrankungen, oder dem Verlust der Mutter ausgesetzt waren, Gleiches gilt bei lieblosen oder zu gleichgültigen Müttern, bei zu jungen Müttern, die für die Mutterschaft noch nicht reif waren, gilt auch für die »goldene- Käfig-Kinder«, die oft lieblosem oder gleichgültigem »Personal« überlassen werden, weil die Mutter »keine Zeit« für sie hat; auch die Mütter, die nach der Geburt zu früh wieder arbeiten [38] und das Kind zu lange sich selbst überlassen müssen, können ihm nicht das geben, was es hier braucht.

Neben solchem Mangel an liebender Zuwendung in der Frühstzeit als einer Quelle für schizoide Persönlichkeitsentwicklungen, ist die andere das Reizüberangebot, wie es bei den Müttern vorliegt, die das Kind nicht in Ruhe lassen und keine Einfühlung in seine Bedürfnisse haben. Das erscheint vielleicht weniger einleuchtend und soll deshalb noch näher beschrieben werden: Für die beginnende Orientierung des Kleinstkindes ist es unerläßlich, . . . daß seine Umgebung eine gewisse Stabilität aufweist, wodurch sie ihm allmählich vertraut wird, so daß es Vertrauen zu ihr fassen kann – Vertrautwerden ist die Basis des Vertrauenkönnens. Ein zu häufiger Wechsel der Bezugspersonen, ein Zuviel an Wechsel der Umgebung und an Sinneseindrücken, kann von ihm nicht verarbeitet werden (z. B. anhaltende lärmende Geräuschkulissen durch Radio und Fernsehen, helle Beleuchtung bis in die Schlafenszeit des Kindes, häufige unruhige Reisen usf.). Solche Unruhe der Umgebung und die Mütter, die gleichsam in das Kind einbrechen, sein Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein überrennen, indem sie sich zuviel mit ihm beschäftigen, es überall mit sich herumschleppen und ihm keine Möglichkeit zu seinen Eigenimpulsen lassen, bewirken ebenfalls, daß das Kind sich zurücknimmt und sich ängstlich und irritiert verschließt. Neben diesen Milieus gibt es auch solche, die das Kind früh überfordern und dadurch schizoidisierend wirken, weil sie ihm kein organisches Wachstum ermöglichen. Es sind diejenigen, in denen sich das Kind zwischen sehr schwierigen oder unreifen Erwachsenen hindurchlavieren muß, die mit ihren eigenen Schwierigkeiten bzw. mit dem Leben nicht fertig werden. Es muß dann zu früh Stimmungen erspüren und Situationen verstehen, um die an sich gespannte und zugleich labile Atmosphäre nicht noch mit sich selbst zu belasten, ja, es muß nicht selten die Elternrolle für sich selbst und die Eltern übernehmen, weil es an ihnen keinen Halt findet und sie selbst keinen in sich haben. Das ist natürlich eine grenzenlose Uberforderung für ein Kind; bevor es sich selbst gefunden hat, wird es in die Elternrolle geschoben, muß ein Verständnis für die Erwachsenen aufbringen, daß es gar nicht dazu kommt, es selbst zu sein, weil es immer nach allen Seiten denken, vermitteln, verstehen und ausgleichen muß, auf solche Weise das Leben der anderen mehr leben muß als es sein eigenes leben kann. Damit wird es nicht nur um seine Kindheit betrogen, sondern es bleibt auch sein Wesenskern unentwickelt, die Sicherheit in sich selbst, und es wird ihm zum Lebensgrundgefühl, auf brüchigem Boden zu stehen.[39]

Stand man so in der Welt, wird man bemüht sein, sich unverletzlich zu machen wie Siegfried durch das Bad im Drachenblut, um wenigstens der Welt keine Blößen zu zeigen – es werden aber immer verwundbare Stellen übrig bleiben. Wie kann man sich unverletzlich machen? Offenbar indem man sich gefühlsmäßig nicht mehr erreichen läßt, indem man gleichsam mit einer Tarnkappe unerkannt und anonym durch die Welt geht. Man legt sich eine glatte Fassade zu, hinter die niemand blicken kann, so daß andere nie wissen, woran sie mit einem sind. Soweit dennoch Gefühle nicht vermeidbar sind, entwickelt man die Fähigkeit, sie bewußt zu steuern, zu dosieren. Man reflektiert sie also und lernt es, sie bewußt zuzulassen oder abzustellen, wird sich ihnen aber keinesfalls spontan überlassen, denn das könnte gefährlich werden Als die Freundin einer jungen Patientin dieser mitteilte, ihre Eltern hätten sich bei ihr beschwert, daß die Patientin so kalt und feindselig zu ihnen sei, sagte sie nach kurzem Überlegen: »Gut, dann werde ich meinen Haß abstellen« – woraufhin ihr Verhältnis zu den Eltern noch ferner und unbezogener wurde.

Es sei hier angefügt, daß wir auch noch als Erwachsene eine Toleranzgrenze gegenüber Sinneseindrücken haben; es ist bekannt, daß wir, wie es in manchen Ländern bei Verhören angewendet wird, durch anhaltende Geräuschkulissen oder Lichteinwirkung, sowie durch Abgehaltenwerden vom Schlaf seelisch zermürbt werden können; lang anhaltende Einsamkeit und Dunkelheit können ähnliche Wirkungen hervorrufen, Natürlich ist die Toleranzgrenze des Kleinkindes eine viel engere.

Von hier aus gesehen bekommt es auch eine besondere Bedeutung, ob ein Kind an der Brust oder mit der Flasche gestillt wird. Die regelmäßige Wiederkehr der Mutter und die beide beglückende Innigkeit beim Bruststillen, ermöglicht dem Kinde nicht nur das allmähliche Wiedererkennen der Person, von der ihm so verläßlich alle Bedürfnisbefriedigung kommt, sondern läßt in ihm auch die ersten Ansätze von auf einen Menschen gerichteter Hoffnung, von Dankbarkeit und Liebe entstehen. Beim Flaschenkind können immer wieder wechselnde Personen, die sich dazu noch sehr verschieden dem Kind gegenüber verhalten mögen, diesen Entwicklungsvorgang zumindest erschweren. Es ist dabei komplizierteren Lernvorgängen ausgesetzt, und wird sich schwerer so intensiv an einen Menschen gebunden fühlen, wie das Brustkind. Wenn wir für die Entstehung der Schizoidie den Mangel an Bindung als ein entscheidendes Charakteristikum erkannten, können Ansätze dazu schon hier gelegt werden durch den Ausfall der geschilderten Innigkeit zwischen Mutter und Kind.[40]

Die Folge aller beschriebenen Störungen ist jedenfalls, daß das Kind sich von Beginn an gegen die Welt wehren und vor ihr schützen muß, oder von ihr enttäuscht wird. Wenn es draußen keinen adäquaten Partner findet, greift es auf sich selbst zurück, nimmt sich selbst zum Partner, und vollzieht den Schritt von sich weg auf das Du hin unzureichend. In der Weiterentwicklung und wenn es später keine korrigierenden Erfahrungen machen kann, entstehen daraus die oben beschriebenen Lücken, die Neigung zur Unabhängigkeit und die Egozentrizität, die Selbstbezogenheit.

So sehen in großen Zügen die Umweltfaktoren aus, die schizoide Persönlichkeitsentwicklungen begünstigen. Wir können hier nur andeuten, daß die Generation, in deren Frühzeit der Krieg fiel, der für viele Kleinkinder ähnliche wie die oben erwähnten Umweltbedingungen bedeutete (Unruhe in den ersten Lebenswochen und darüber hinaus durch nächtliche Bombenangriffe, Flüchtlingsschicksale, Trennung der Familie, Verlust der Heimat usf.), daß diese Generation gehäuft schizoide Züge aufweist: ihre Abneigung gegen familiäre Bindungen; die Neigung zu Gruppenbildungen und Massenveranstaltungen, bei denen man sich als zugehörig erleben und doch anonym bleiben kann; und die Unverbindlichkeit in der Beziehung der Geschlechter, können hierher gerechnet werden. Das Halbstarkenproblem ist hiermit in Zusammenhang zu sehen, das auftrat, als diese Generation in die Pubertät kam. Auch mandie Züge der modernen Kunst, die durch den »Verlust der Mitte«, wie man es genannt hat, charakterisiert werden können. Schizoide Kunst wirkt am ehesten aufrüttelnd, oft ist sie aber abstoßend. Nach Fuhrmeister und Wiesenhütter (»Metamusik«) soll sich in Orchestern, die vorwiegend moderne Kompositionen aufführen, häufig das gesamte Musikerensemble nach Proben solcher Stücke krank fühlen.

Aber auch die gesamte Umweltsituation des westlichen Menschen wirkt sich scbizoidisierend aus: die Welt gibt uns immer weniger Geborgenheit; trotz allem Komfort fühlen wir uns immer gefährdeter, und unser Lebensgefühl wird labilisiert durch die Uberfülle an Reizen, denen wir ausgesetzt sind und gegen die wir uns nur schwer abschirmen können; das Schreckgespenst möglicher Kriege und das Wissen, daß wir heute in der Lage sind, uns selbst total zu vernichten, die gefährliche Machbarkeit und Beeinflußbarkeit auch lebendiger Entwicklungen durch Technik und Naturwissenschaften, haben in uns ein Gefühl existenzieller Bedrohtheit entstehen lassen, wie wir es für die Entstehung schizoider Strukturmerkmale erkannt hatten, Als Gegenbewegung läßt sich die zunehmende Neigung zum Yoga, zu meditativen Übungen [41] bewerten, und das spürbar werdende Bedürfnis nach einer Rückbesinnung auf die Innenwelt läßt sich noch im Gebrauch der Drogen erkennen; die Hippies und Gammler wollen bewußt auf die Errungenschaften einer Technik und Zivilisation verzichten, deren unkontrollierte Herrschaft uns allen immer fragwürdiger geworden ist. Die Beherrschung der Natur, die Zeit und Raum überwindende Technik, und die Lebensbedingungen, unter denen wir unseren Existenzkampf durchführen müssen, drohen unsere gemüthaften Seiten immer mehr verkümmern zu lassen, so daß wir von einem Schizoidisierungsprozeß der westlichen Gesellschaft sprechen können.

Mangel an altersgemäßer Geborgenheit in der frühesten Kindheit ist also gleichsam die Kurzformel für die Entwicklung schizoider Persönlichkeitsstrukturen, soweit sie mit den Umwelteinflüssen zusammenhängen. Ob und wie weit vorgeburtliche, intrauterine Einflüsse über den mütterlichen Organismus hier schon mit hereinwirken, ist noch zu wenig erforscht, wenn auch durchaus wahrscheinlich. So gibt Stirnimann in seinem schon erwähnten Buch an, daß es gelang, die Hörfähigkeit schon vor der Geburt nachzuweisen: man stellte eine schwangere Frau vor den Röntgenschirm und ließ eine Autohupe ertönen, woraufhin das Kind zusammenzuckte. Möglicherweise kann über das emotionale und affektive Erleben der Mutter, über ihre gefühlsmäßige Einstellung zur Schwangerschaft und zum Kinde, jene Ungeborgenheit bereits im Mutterleib beginnen, wenn die Mutter statt Bejahung und freudiger Erwartung – aus welchen Gründen auch immer – feindselige, ablehnende oder haßerfüllte Einstellungen zu dem werdenden Kind hat.



Beispiele für schizoide Erlebnisweisen

Ein begabter, aber sehr eigenwilliger und fast kontaktloser Musiker lebte in einer schwierigen finanziellen Situation. Von einem Bekannten bekam er eine Stellung vermittelt, die gut bezahlt war, auch im Rahmen seiner Interessen lag, und so eine entscheidende Hilfe für ihn bedeutet hätte. Am Tage, an dem er die Stelle antreten sollte, die er bereits zugesagt hatte, blieb er unentschuldigt weg und verlor die Chance. Vor sich selbst argumentierte er, der Freund habe ihm nur seine Überlegenheit zeigen und ihm seine [42] klägliche Lage vor Augen führen wollen – vielleicht habe er sogar homosexuelle Motive gehabt.

Statt also annehmen zu können, was ihm wohlwollend angeboten worden war, bekam er Angst, abhängig zu werden und dem anderen dankbar verpflichtet sein zu müssen. Er mußte das vor sich selbst umdeuten, indem er dem Freunde fragwürdige Motive unterschob. Etwas tiefer unter dieser schwer verständlichen Haltung lag aber zugleich, daß er dem anderen eine Bewährungsprobe zumutete: Wenn er es mit seinem Helfenwollen wirklich ernst meint, und sich durch mein Verhalten nicht abschrecken läßt, wenn er mich trotzdem nicht fallen läßt, bedeute ich ihm wirklich etwas.

Hier sieht man recht klar die Aussichtslosigkeit, aus solchem verhängnisvollen Zirkel herauszukommen und neue Erfahrungen mit Menschen zu machen: Wann ist für ihn die Garantie gegeben, daß er an eine echte Zuwendung glauben könnte? Und wer wäre andererseits bereit, sich soviel zumuten zu lassen, und sich um das Verständnis der Hintergründe solchen Verhaltens zu bemühen? Dazu ist die Welt im allgemeinen in keiner Weise geneigt.

Dabei lag die Situation bei diesem Mann insofern noch komplizierter, als er fast gleich stark wünschte, der Bekannte möchte sich trotz seines Verhaltens weiter um ihn bemühen, wie daß er ihn fallen ließe. Im ersten Falle hätte er nämlich seine Meinung von den Menschen einmal korrigieren müssen und vertrauen können, wonach er sich sehnte. Im zweiten Falle wäre er in seiner Weltanschauung, daß die Menschen doch nicht vertrauenswürdig seien, bestärkt worden, und hätte sich weiter »berechtigt« voll Bitterkeit in seine heroische Einsamkeit und seine Menschenverachtung zuruckziehen können, was bequemer war.

Dieser Musiker hatte häufig wechselnde Freundinnen, die er jeweils bald verließ, weil ihm bei der einen die Art wie sie sich kleidete, bei der anderen die Beine, bei einer dritten ihre Bildung usf. nicht zusagten – Rationalisierungen für seine Bindungsangst und zugleich ein Schutz davor, jemanden vielleicht doch einmal zu lieben und sich damit allen Gefährdungen auszusetzen, die »Lieben« bedeutet. Biographisch sei hier nur angedeutet, daß er ein außereheliches Kind war, das früh immer wieder zu verschiedenen Verwandten gegeben und von diesen als lästig empfunden wurde.

Ein weiteres Beispiel für diese Persönlichkeitsstruktur: Ein Mann in mittleren Jahren erlebte sich immer wieder in quälender Form als Außenseiter. Er hatte das Gefühl, daß er nirgends wirklich dazugehörte, daß andere Menschen ihn ablehnten oder spöttisch- kritisch ansahen. Er litt darunter, es machte ihn unsicher, und seine berufliche Laufbahn drohte immer wieder daran zu [43] scheitern, daß er von anderen als Fremdkörper und als »äuBerst schwierig« empfunden wurde und nun, im typischen verhängnisvollen Zirkel, in seiner Reaktion darauf tatsächlich immer schwieriger zu behandeln war. Er wurde öfter plötzlich, scheinbar ganz unmotiviert, ausfällig, gegen Vorgesetzte verletztend ironisch, »schnitt« Arbeitskollegen grundlos, fiel in Kleidung und Lebensführung so aus dem Üblichen heraus, daß man sich immer mehr von ihm zurückzog, nichts Gemeinsames mit ihm hatte.

Auf Grund der zunehmenden Distanz und Vereinsamung projizierte nun nicht nur er vieles auf seine Umwelt, sondern, wie es dann in regelmäßig zu findender Wechselseitigkeit zu sein pflegt, die Umwelt projizierte ihrerseits ebensoviel auf ihn, wie wir ja immer dazu neigen, auf uns fremd, ungewohnt oder unheimlich Erscheinendes eigen

Vroni ( gelöscht )
Beiträge:

01.04.2002 22:32
#2 RE: [Exzerpt] Schizoide Persönlichkeitsstruktur Thread geschlossen

>Die schizoiden Persönlichkeiten
>»Auf, laß uns anders werden als die Vielen,
>die da wimmeln in dem allgemeinen Haufen.«

>(Spitteler)
>
>Wir wollen uns nun den Persönlichkeiten zuwenden, deren grundlegendes Problem – von der Seite der Angst her gesehen – die Angst vor der Hingabe ist und die zugleich – von der Seite der Grundimpulse her betrachtet – den Impuls zur »Eigendrehung«, das hieße psychologisch also: zur Selbstbewahrung und Ich-Abgrenzung, überwertig leben. Wir nennen sie die schizoiden Menschen.
>Wir alle haben den Wunsch, ein unverwechselbares Individuum zu sein. Wie sehr,.merken wir etwa daran, wie empfindlich wir reagieren, wenn jemand unseren Namen verwechselt oder entstellt: wir wollen nicht beliebig austauschbar sein; wir wollen das Bewußtsein unserer Einmaligkeit als Individuum haben. Das Bestreben, uns von anderen zu unterscheiden, ist uns ebenso mitgegeben wie das dazu gegensätzliche, als soziale Wesen zu Gruppen oder Kollektiven dazuzugehören. Wir wollen sowohl unseren persönlichen Interessen leben dürfen, als wir auch in partnerschaftlicher Verbundenheit und mitmenschlicher Bezogenheit und Verantwortung stehen möchten. Wie wird es sich nun auswirken, wenn ein Mensch, die Hingabeseite vermeidend, vorwiegend die Selbstbewahrung zu leben versucht?
>Sein Streben wird vor allem dahin gehen, so unabhängig und autark wie möglich zu werden. Auf niemanden angewiesen zu sein, niemanden zu brauchen, niemandem verpflichtet zu sein, ist ihm entscheidend wichtig. Deshalb distanziert er sich von den Mitmenschen, braucht er Abstand zu ihnen, läßt er sie sich nicht zu nahe kommen, läßt er sich nur begrenzt mit ihnen ein. Wird diese Distanz überschritten, empfindet er das als Bedrohung seines Lebensraumes, als Gefährdung seines Unabhängigkeitsbedürfnisses, seiner Integrität, und wehrt sich schroff dagegen. So entwickelt er die für ihn typische Angst vor mitmenschlicher Nähe. Nun läßt sich aber Nähe im Leben nicht vermeiden, und daher sucht er nach Schutzhaltungen, hinter denen er sich gegen sie abschirmen kann.
>Er wird dann vor allem persönlichnahe Kontakte vermeiden, niemanden im Intimen an sich heranlassen. Er scheut Begegnungen mit einem Einzelnen, einem Partner, und versucht, menschliche Beziehungen zu versachlichen. Wenn er sich unter Menschen be[21]gibt, fühlt er sich am wohlsten in Gruppen oder Kollektiven, wo er anonym bleiben kann, und doch über gemeinsame Interessen ein Dazugehören erlebt. Am liebsten hätte er die Tarnkappe des Märchens verfügbar, unter deren Schutz er unerkannt am Leben der anderen teilnehmen und in es eingreifen könnte, ohne etwas von sich preisgeben zu müssen.
>Auf die Umwelt wirken solche Menschen fern, kühl, distanziert, schwer ansprechbar, unpersönlich bis kalt. Oft erscheinen sie seltsam, absonderlich, in ihren Reaktionen unverständlich oder befremdend. Man kann sie lange kennen, ohne sie wirklich zu kennen. Hat man heute zu ihnen scheinbar einen guten Kontakt gehabt, verhalten sie sich morgen so, als hätten sie uns nie gesehen; ja, je näher sie uns gerade gekommen waren, um so schroffer wenden sie sich plötzlich von uns ab, uneinfühlbar, oft mit grundlos erscheinender Aggression oder Feindseligkeit, die verletzend für uns ist.
>Das Vermeiden jeder vertrauten Nähe aus Angst vor dem Du, vor sich öffnender Hingabe, läßt den schizoiden Menschen mehr und mehr isoliert und einsam werden. Seine Angst vor der Nähe wird besonders da konstelliert, wo jemand ihm oder wo er jemandem zu nahe kommt. Da Gefühle der Zuneigung, der Sympathie, der Zärtlichkeit und Liebe uns einander am nächsten kommen lassen, erlebt er sie als besonders gefährlich. Das erklärt, warum er gerade in solchen Situationen abweisend, ja feindlich wird, den anderen abrupt zurückstößt: Er schaltet plötzlich ab, bricht den Kontakt ab, zieht sich auf sich selbst zurück und ist nicht mehr zu erreichen.
>Zwischen ihm und der Umwelt klafft dadurch eine breite Kontaktlücke, die mit den Jahren immer breiter wird und ihn mehr und mehr isoliert. Das hat nun immer problematischere Folgen: Durch die Ferne zur mitmenschlichen Umwelt weiß er zu wenig von anderen; es entstehen zunehmend Lücken in der Erfahrung über sie, und daraus Unsicherheiten im mitmenschlichen Umgang. So weiß er nie recht, was im anderen vorgeht, denn das erfährt man, wenn überhaupt, ja nur in vertrauter Nähe und liebender Zuwendung. Daher ist er auf Vermuten und Wähnen angewiesen in seiner mitmenschlichen Orientierung, und deshalb wieder ZUtiefst unsicher, ob seine Eindrücke und Vorstellungen von anderen, ja schließlich sogar, ob seine Wahrnehmungen nur seine Einbildung und Projektion, oder aber Wirklichkeit sind.
>Ein Bild, das wohl Schultz-Hencke zuerst in diesem Zusammenhang gebraucht hat für die Schilderung der Weltbefindlichkeit dieser Menschen, soll das Gemeinte deutlicher machen – wir [22] haben diese Situation alle schon einmal erlebt: Wir sitzen auf dem Bahnhof in einem Zug; auf dem Nachbargleis steht ebenfalls ein Zug; plötzlich bemerken wir, daß einer der beiden Züge sich bewegt. Da die Züge heute sehr sanft und fast unmerklich anfahren, haben wir keine Erschütterung, keinen Ruck verspürt, so daß wir nur den optischen Eindruck einer Bewegung feststellen. Wir vermögen uns nun nicht gleich zu orientieren, welcher der beiden Züge fährt, bis wir an einem feststehenden Gegenstand draußen zu realisieren vermögen, daß etwa unser Zug noch steht, und der Nachbarzug sich in Bewegung gesetzt hat, oder umgekehrt.
>Dieses Bild kann uns sehr treffend die innere Situation eines schizoiden Menschen deutlich machen: Er weiß nie genau – in einem Ausmaß, das alle auch beim Gesunden mögliche Unsicherheit weit übersteigt – ob das, was er fühlt, wahrnimmt, denkt oder sich vorstellt, nur in ihm selbst existiert, oder auch draußen. Durch seinen lockeren Kontakt zur mitmenschlichen Welt fehlt ihm die Orientierungsmöglichkeit in ihr, und so schwankt er in der Beurteilung seiner Erlebnisse und Eindrücke zwischen dem Zweifel, ob er sie als Wirklichkeit hinaus verlegen kann, oder ob sie nur seine »Einbildung« sind, nur seiner Innenwelt angehören: Blickt mich der andere wirklich spöttisch an oder bilde ich mir das nur ein? War der Chef heute wirklich besonders kühl mir gegenüber, hat er etwas gegen mich, war er anders als sonst – oder meine ich das nur? Habe ich etwas Auffälliges an mir, stimmt etwas nicht an mir, oder täusche ich mich, daß mich die Leute so komisch ansehen?
>Diese Unsicherheit kann alle Schweregrade annehmen, von immer wachem Mißtrauen und krankhafter Eigenbezüglichkeit bis zu eigentlich wahnhaften Einbildungen und Wahrnehmungstäuschungen, bei denen man dann innen und außen tatsächlich verwechselt, ohne daß die Verwechslung als solche erkannt wird, weil man nun seine Projektionen für die Wirklichkeit hält. Man kann sich vorstellen, wie quälend und zutiefst beunruhigend es sein muß, wenn diese Unsicherheit ein Dauerzustand ist, vor allem, weil man ja gerade wegen des erwähnten Mangels an Nahkontakt, sie nicht korrigieren kann. Denn jemanden darüber zu befragen, ihm seine Unsicherheit und Angst mitzuteilen, würde eine vertraute Nähe voraussetzen; da man diese zu niemandem hat, glaubt man befürchten zu müssen, nicht verstanden, verlacht oder gar für verrückt gehalten zu werden.
>Voller Mißtrauen und aus ihrer tiefen Ungeborgenheit heraus, die, wie wir noch sehen werden, sowohl primär Ursache als sekundär auch Folge ihres lockeren mitmenschlichen Kontaktes ist, [23] werden schizoide Menschen zur Sicherung nun besonders stark die Funktionen und Fähigkeiten entwickeln, die ihnen zu einer besseren Orientierung in der Welt zu verhelfen versprechen: Die Wahrnehmung durch die Sinnesorgane, den erkennenden Intellekt, das Bewußtsein, die Ratio. Da sie besonders alles Emotionale, Gefühlshafte verunsichert, streben sie die von Gefühlen abgelöste »reine« Erkenntnis an, die ihnen Resultate zu liefern verspricht, auf die sie sich verlassen können. Man kann schon hier verstehen, daß sich schizoide Menschen vor allem den exakten Wissenschaften zuwenden, die ihnen diese Sicherheit und Abgelöstheit vom subjektiven Erleben vermitteln sollen.
>Gegenüber der Entwicklung dieser rationalen Seiten bleibt die des Gefühlslebens zurück; denn dafür ist man auf ein Du, auf einen Partner angewiesen, auf emotionale Bezogenheit und Gefühlsaustausch. So ist es für diese Menschen charakteristisch, daß sie, bei oft überdurchschnittlicher Intelligenzentwicklung, im Emotionalen zurückgeblieben wirken; das Gefühlshafte bleibt bei ihnen oft unterentwickelt, ja zuweilen verkümmert. Das ergibt eine breite Kontaktunsicherheit, die der Grund für unendlich viele Schwierigkeiten im Alltagsleben bei ihnen werden kann; es fehlen ihnen die »Mitteltöne« im mitmenschlichen Umgang, sie haben dafür keine Nuancen verfügbar, so daß ihnen schon einfachste Kontakte zum Problem werden können, Dafür ein Beispiel:
>Im Rahmen seiner Ausbildung sollte ein Student ein Referat halten. Kontaktlos, wie er war, zugleich »arrogant« – hinter welcher Haltung er seine Unsicherheit verbarg – kam er nicht auf den Gedanken, einen Kollegen zu fragen, wie so etwas üblicherweise gehandhabt würde. Er quälte sich allein mit Problemen herum, die nur in ihm, nicht in der Sache lagen. Er war sich völlig unsicher darüber, ob seine Ausführungen den Erwartungen entsprechen würden, schwankte in ihrer Beurteilung zwischen Selbstüberschätzung und Minderwertigkeitsgefühlen, indem sie ihm einmal großartig, ja einmalig-genial erschienen, dann wieder als völlig banal und ungenügend. Es fehlten ihm eben die Vergleiche mit den Referaten anderer. Er meinte, es sei vor den Kollegen peinlich und er würde sich etwas vergeben, wenn er sie um Rat gefragt hätte – er wußte nicht, daß so etwas durchaus üblich war. So hatte er wegen seiner Unbezogenheit ganz überflüssige und Überwertige Angste, die er sich weitgehend hätte ersparen können, wäre er in natürlichem, kollegialem Kontakt gestanden.
>Solche und ähnliche Situationen und Verhaltensweisen häufen sich im Leben schizoider Menschen; sie tragen viel dazu bei, ihnen [24] schon banale und alltägliche Situationen ungemein zu erschweren; sie realisieren nicht, daß ihre Schwierigkeiten auf der Kontaktebene liegen und nicht in einem Mangel an Fähigkeiten.
>
>Der schizoide Mensch und die Liebe
>Wie schon gesagt, werden dem schizoiden Menschen besonders die Entwicklungsschritte zum Problem, bei denen es um mitmenschlichen Kontakt geht: Der Eintritt in den Kindergarten, in die Klassengemeinschaft; die Pubertät und die Begegnung mit dem anderen Geschlecht; die partnerschaftlichen Beziehungen und alle Bindungen. Da bei ihm jede Nähe Angst auslöst, muß er sich um so mehr zurücknehmen, je näher er jemandem kommt, je mehr er vor allem in die Gefahr des Liebens oder des Geliebtwerdens kommt, das er sich nur als ein Sichausliefern und Abhängigwerden vorstellen kann.
>In der Kindheit auftretende Schwierigkeiten im mitmenschlichen Kontakt sollten von Eltern und Erziehern als beginnende schizoide Problematik erkannt werden, die vielleicht noch aufzufangen oder doch gemildert werden kann, bevor sie sich tiefer eingespurt hat: Wenn ein Kind Kontaktschwierigkeiten im Kindergarten oder in der Klasse hat; wenn es keinen Freund findet; wenn es sich als Außenseiter und Einzelgänger erlebt oder von anderen so erlebt wird; wenn ein junger Mensch um die Pubertät herum Beziehungen zum anderen Geschlecht meidet, sich statt dessen in Bücher vergräbt, Kontakten aus dem Weg geht, Basteleien oder sonstige Dinge tut, bei denen er immer allein ist; wenn er schwere weltanschauliche Krisen in dieser Zeit durchmacht, mit einsamen Grübeleien über den Sinn des Lebens, ohne sich mit anderen darüber auszutauschen – all das sind Alarmzeichen, die man verstehen, bei denen sich die Eltern beraten lassen sollten.
>Noch problematischer pflegt für schizoide Persönlichkeiten die Zeit der zur Partnerschaft drängenden Nachpubertät zu werden. Denn in der Liebe kommen wir einander am nächsten, seelisch und körperlich. In jeder liebenden Begegnung ist unser Eigen-Sein und unsere Unabhängigkeit gleichsam gefährdet, um so mehr, je mehr wir uns dem Du öffnen, um so mehr aber auch, je mehr wir uns selbst bewahren wollen. Daher werden diese Begegnungen oft zu den Klippen, an denen ihnen ihre Problematik, die bisher viel [25] leicht noch unbewußt, ihnen selbst verborgen war, nun schmerzlich bewußt wird. Wie soll ein solcher Mensch die nun wachsende Sehnsucht nach Nähe und Austausch, nach Zärtlichkeit und Liebe, wie soll er vor allem das aufkommende sexuelle Begehren an einen anderen herantragen? Auf Grund der beschriebenen Kontaktlücken und der fehlenden »Mitteltöne« im mitmenschlichen Umgang, die sich bis zu diesem Alter bereits zu einer weitgehenden Ungeübtheit im Verkehr mit Menschen ausgewachsen haben, ist für ihn das Integrieren der Sexualität besonders schwierig. Ihm fehlen die Zwischentöne des Sich-Verhaltens auch hier: Ihm steht weder die werbenderobernde, noch die verführend hingebende Seite zur Verfügung. Zärtlichkeit, verbaler oder emotionaler Ausdruck von Zuneigung, sind ihm fremd, und ihm fehlt auch weitgehend die Einfühlung, das Sich-in-einen-anderen-versetzen- Können.
>Die Lösungsversuche des Konfliktes zwischen dem drängenden Begehren und der Angst vor mitmenschlicher Nähe können verschieden aussehen, Häufig so, daß er sich nur auf unverbindliche, leicht zu lösende, oder auf rein sexuelle Beziehungen einläßt, in denen er die Sexualität von seinem Gefühlserleben gleichsam abspaltet. Der Partner ist für ihn dann nur noch »Sexualobjekt«, das der Befriedigung seiner Sinne dient, darüber hinaus nicht mehr interessiert. Aber auch wegen der emotionalen Unbeteiligtheit sind seine partnerschaftlichen Beziehungen leicht austauschbar. So schützt er sich davor, daß, bei tieferem Sicheinlassen mit dem Du, seine ganze Unbeholfenheit und Unerfahrenheit in Gefühlsdingen offenbar würde, zugleich auch vor der Gefahr des Liebens. Aus dem gleichen Grund pflegt er auch Zeichen der Zuneigung von seiten des Partners abzuwehren – er weiß nicht, wie er sie beantworten soll, sie sind ihm eher peinlich.
>Ein Mann ging auf ein Ehevermittlungsbüro und suchte sich nach den ihm vorgelegten Fotografien die Frau aus, die ihm am wenigsten gefiel – sie konnte ihm wenigstens nicht gefährlich werden, konnte keine Liebesgefühle in ihm auslösen.
>Eine Frau konnte sich einem Mann nur dann körperlich hingeben, wenn sie wußte, daß sie ihn danach wahrscheinlich nie wieder sehen würde.
>Ein verheirateter Mann hatte in der gleichen Stadt, in der er mit seiner Familie wohnte, noch eine geheime Wohnung; in Abständen zog er sich in diese zurück, war dann für jedermann unerreichbar, bis er wieder die Neigung fühlte, zu seiner Familie zu gehen. Er brauchte das, um sich vor zuviel Nähe und dem Gefühls[26]anspruch seiner Frau und seiner Familie abzuschirmen (die ihrerseits gerade wegen diesem Sichentziehen ihn fester zu binden versuchten, damit nun wieder sein Bedürfnis nach seiner Zuflucht verstärkten).

>Aus den Beispielen läßt sich ersehen, wie groß die Angst schizoider Menschen ist, sich zu binden, sich festzulegen, abhängig oder überrannt zu werden; nur so lassen sich ihre oft seltsam und unverständlich anmutenden Reaktionen begreifen. Das einzige, was dem schizoiden Menschen wirklich gehört und ihm einigermaßen vertraut ist, ist er selbst; daher seine Empfindlichkeit gegen wirkliche oder vermeintliche Gefährdung seiner Integrität, gegen Übergriffe und ihn überfremdende Einbrüche in seine Distanz, die er braucht, um seinen Halt an sich selbst nicht zu verlieren. Natürlich läßt solches Verhalten eine Atmosphäre von Vertrautheit oder gar Innigkeit gar nicht aufkommen. Aus seinem Lebensgefühl heraus empfindet er Bindungen als Zwang, zu viel von sich aufgeben zu müssen, was natürlich vor allem bei Partnern möglich wird, die viel Zuwendung und Nähe des anderen brauchen. Die Bindungsscheu kann soweit gehen, daß er noch vor dem Traualtar oder dem Standesamt umkehrt.
>Ein junger Mann verlobte sich auf das Drängen seiner Freundin sie kannten sich schon seit Jahren, er wollte sich aber nicht binden. Er kam mit den Ringen zu ihr und sie feierten zusammen die Verlobung. Als er ihr Haus verließ, warf er einen bereits vorher geschriebenen Brief in ihren Briefkasten, der die eben geschlossene Verlobung wieder aufhob.
>Ähnliche Verhaltensweisen sind bei schizoiden Menschen gar nicht selten. Oft sind sie aus der Ferne gute und zugewandte Briefschreiber, nehmen sich aber im persönlichen Nahkontakt sofort wieder zurück und verschließen sich.
>Durch die erwähnte Abspaltung der Sexualität vom Gefühlsleben wird das Triebhafte gleichsam isoliert gelebt; der Partner wird dadurch nicht nur zum »Sexualobjekt«, sondern das ganze Liebesleben kann sich in einem nur noch funktionellen Vorgang erschöpfen. Er kennt dann kein zärtliches Vorspiel, keine Erotik, sondern geht unbekümmert um die Bedürfnisse des Partners direkt auf sein Ziel los. Zärtlichkeit artet leicht in dem Partner Wehtun aus, in harten Zugriff oder sonstiges Zufügen von Schmerzen. Dahinter kann unbewußt der Wunsch nach einer spürbaren Reaktion des Partners stehen. Weiterhin besteht die Neigung, den Partner nach der erreichten Befriedigung baldmöglichst wieder loszuwerden. »Nachher« – gemeint war der Geschlechtsakt – [27] »hätte ich sie am liebsten hinausgeworfen« war der charakteristische Ausspruch eines schizoiden Mannes, der seine Angst vor den Gefühlsansprüchen der Partnerin zeigt.
>Schwieriger wird es, wenn der Schizoide die schroffe Ambivalenz zwischen Liebes und Haßgefühlen, seinen tiefen Zweifel in das Geliebtwerdenkönnen, am Partner austrägt. Dann setzt er diesen immer neuen Bewährungsproben aus, fordert von ihm immer neue Liebesbeweise, die seinen Zweifel beheben sollen. Das kann sich bis zum seelischen und zum eigentlichen Sadismus steigern. Sein Verhalten kann dann ausgesprochen destruktiv werden; Liebesbeweise und Zeichen der Zuneigung des Partners werden abgewertet, bagatellisiert, analysiert, angezweifelt oder in diabolisch geschickter Weise als Tendenz umgedeutet. So wird etwa eine spontane Zuwendung des Partners als Ausdruck eines schlechten Gewissens, von Schuldgefühlen oder als Bestechungsversuch (»was willst du damit erreichen?«; »du hast wohl etwas gutzumachen?«) gedeutet. Die meist vorhandene gute theoretischabstrakte psychologische Kombinationsgabe bietet unendliche Möglichkeiten für solche tendenziösen Umdeutungen. In dem Roman »Das Ruhekissen« hat Christiane Rochefort eine solche Beziehung ausgezeichnet geschildert, besonders überzeugend auch dargestellt, wie eine liebesfähige Frau durch den schizoiden Partner mit der Zeit an ihre Toleranzgrenze gebracht wird.
>Nicht selten zerstört der schizoide Partner auch alle zärtlichen Regungen bei sich und dem Partner durch Zynismus, um sich von ihnen nicht erfassen zu lassen. In einem Augenblick besonders inniger Zuwendung des Partners, trifft er diesen seelisch an seiner verletzlichsten Stelle, indem er seine Haltung, seinen Gesichtsausdruck oder seine Worte ironisierend ins Lächerliche zieht: »Mach doch nicht so hündisch treue Augen«; »wenn du wüßtest, wie komisch du eben ausgesehen hast«; oder: »laß doch diese albernen Liebesbeteuerungen und kommen wir endlich zur Sache« usf.
>Natürlich wird so im Partner systematisch alle Liebesbereitschaft zerstört, es sei denn, daß er eine ungewöhnliche Liebesfähigkeit hat, oder der masochistische Gegentypus ist, der aus Schuldgefühlen, aus Verlustangst oder anderer Motivierung glaubt, das alles mit in Kauf nehmen zu müssen, oder Lust am Gequältwerden empfindet. Sonst muß er sich schließlich zurücknehmen oder zu hassen beginnen, was dann von dem schizoiden Partner mit einem Triumphgefühl erlebt werden kann (»jetzt kommt dein wahres Wesen zum Vorschein«), ohne zu realisieren, wie weit er den anderen durch sein Verhalten erst soweit gebracht [28] hat. Die autobiographischen Romane Strindbergs enthalten viel von solcher schizoiden Tragik, bringen zugleich eindrucksvolle Beschreibungen der lebensgeschichtlichen Hintergründe solcher Persönlichkeitsentwicklungen (z. B. »Der Sohn einer Magd«). Auch Axel Borg, die Hauptgestalt seines Romanes »Am offenen Meer«, ist ein glänzend geschilderter schizoider Mensch, mit deutlich autobiographischen Zügen.
>Ist die Gefühlskälte noch weiter fortgeschritten, steigert sie sich ins Extreme und Krankhafte, kann die Grenze zu Vergewaltigungen bis zum Lustmord schmal sein, vor allem, wenn auf den Partner unverarbeitete Haßgefühle und Rachehaltungen unbewußt projiziert, »übertragen« werden, wie die Psychoanalyse es nennt, die ursprünglich den ehemaligen Bezugspersonen der Kindheit gegolten haben. Eine nicht in das Persönlichkeitsganze integrierte, abgespaltene Triebseite ist indessen immer gefährlich; kommt dazu die weitgehende Unfähigkeit, sich in den Partner einzufühlen und die Gefühlsverkümmerung, sind alle Triebverbrechen denkbar.
>Aus der Schwierigkeit, mit einem Partner eine Gefühlsverbindung einzugehen, ja überhaupt einen Partner zu finden, suchen Schizoide auch oft, allein auszukommen, gleichsam sich selbst zum Partner zu nehmen in ausschließlicher Selbstbefriedigung. Oder sie weichen auf Ersatzobjekte aus, wie es etwa beim Fetischismus der Fall ist. Natürlich kann sich an solchen Ersatzobjekten ihre Liebesfähigkeit nicht entwickeln, obwohl auch diese Formen gestörter Liebesfähigkeit noch Elemente des Liebenwollens enthalten, noch Ausdruck ihrer suchenden Sehnsucht sind.
>Man findet bei schizoiden Menschen nicht selten eine infantil gebliebene Sexualentwicklung auch bei sonst hochdifferenzierten Persönlichkeiten. Die manchmal anzutreffende Wahl geschlechtlich unreifer Kinder oder Jugendlicher als Sexualpartner, läßt sich daraus verstehen, daß der schwer Kontaktgestörte diesen gegenüber weniger Angst hat und mit dem kindlichen Zutrauen rechnen kann.
>Manchmal kommt bei ihm die unterdrückte Liebesfähigkeit und Hingabesehnsucht als extreme Eifersucht bis zum Eifersuchtswahn zum Durchbruch. Er spürt, wie wenig liebenswert er sich verhält, wie wenig liebesfähig er ist, und ahnt, daß er so kaum jemanden halten kann. Daher muß er überall Rivalen wittern, die er – oft mit Recht – für bessere Liebende und für liebenswerter hält. Harmlose, ganz natürliche Verhaltensweisen des Partners, werden dann von ihm voller Spitzfindigkeit und Haarspalterei ins Hintergründige, Absichtliche und Dämonische umgedeutet. Das [29] kann sich bis zum Beziehungswahn steigern, die Partnerschaft mit der Zeit unerträglich werden lassen und sie schließlich zerstören, mit einer Lust am Zerstören, unter der er selbst leidet, sich aber nicht anders verhalten kann, Die Motivierung kann dann so aussehen: wenn es schon nicht möglich scheint, daß ich geliebt werden kann, zerstöre ich lieber selbst, was ich doch nicht halten kann dann bin ich wenigstens der Handelnde und nicht nur der Erleidende. So kann man Verhaltensweisen verstehen, daß er gerade da, wo er lieben und geliebt werden möchte, sich besonders wenig liebenswert gibt. Wendet sich dann der Partner von ihm ab, ist ihm das weniger schmerzlich, als wenn er sich wirklich um ihn bemüht hätte, und dennoch verlassen würde. Solche Enttäuschungsprophylaxe ist bei schizoiden Menschen nicht selten; sie enthält – meist unbewußt – zugleich den Aspekt einer Bewährungsprobe für den Partner: Wenn er mich trotz meines Verhaltens noch liebt, liebt er mich wirklich. Überall läßt sich dahinter erkennen, wie schwer es solchen Menschen ist, sich für liebenswert zu halten. In Extremfällen kann das Mißtrauen und die Eifersucht bis zum Mord führen: Wenn der Partner mich nicht liebt, soll er auch keinen anderen lieben können.
>Bewußt wird die Hingabeangst von schizoiden Menschen meist nur als Bindungsangst erlebt. Die Sehnsucht nach Hingabe, die ja auch zu unserem Wesen gehört, staut sich durch die Unterdrükkung auf und verstärkt die Angst, so daß Hingabe dann nur noch als völliges Sichausliefern, als Ich-Aufgabe und Verschlungenwerden vom Du vorgestellt werden kann. Dadurch kommt es zu einer Dämonisierung des Partners, die nun rückwirkend wieder die Angst verstärkt, und manche sonst unverständliche Verhaltensweisen schizoider Menschen verständlicher macht, vor allem ihren plötzlichen Haß, der aus dem Gefühl der Bedrohtheit durch ein übermächtiges Du entsteht, ohne daß sie erkennen, daß ihre eigene Projektion dem anderen erst solche Macht verleiht.
>So fällt es dem schizoiden Menschen schwer, eine dauerhafte Gefühlsbeziehung zu wagen, Er neigt mehr zu kurzfristigen, intensiven, aber wechselnden Beziehungen. Die Ehe ist für ihn eine Institution mit allen Unvollkommenheiten menschlicher Einrichtungen, daher selbstverständlich auflösbar, wenn sie nicht mehr als befriedigend erlebt wird. Sie sollte den menschlichen Bedürfnissen mehr Rechnung tragen, und an sie angepaßt werden. Untreue ist seiner Meinung nach in einer Dauerbeziehung unvermeidlich; er fordert für sich Freiheit und ist – das allerdings mehr theoretisch und nicht immer so selbstverständlich in der Realität bereit, sie auch dem Partner zuzugestehen. Oft ist er ein [30] Theoretiker der Ehe, ein Ehereformer; zumindest wagt er es, gegen Konventionen und Traditionen seinen eigenen Lebensstil durchzusetzen und nach seiner Uberzeugung zu leben. Darin zeigt er oft mehr Ehrlichkeit und Zivilcourage als viele andere. Manchmal hat er durchaus dauerhafte Beziehungen, schreckt nur vor deren Legalisierung zurück, weshalb es bei ihm häufiger zu eheähnlichen Bindungen kommt ohne Heirat. Bei frühem Ausfall einer Mutterbeziehung oder nach Enttäuschungen an der Mutter, findet man nicht selten Bindungen an ältere, mütterliche Frauen; diese können ihn vieles nachholen lassen, was er als Kind entbehren mußte. Solche Frauen vermögen manchmal Wärme und Geborgenheit zu geben ohne große eigene Ansprüche; es sind schenkende Frauen, die ein unmittelbares Verständnis für seine Situation haben, von ihm nicht erwarten, was er nicht geben kann, und ihn gerade dadurch mehr binden, als er es sonst zulassen könnte. Nur die tiefer Gestörten mit entsprechenden Früherfahrungen entwickeln einen ausgesprochenen Frauenhaß mit Racheimpulsen der Frau gegenüber. Da von dem Schizoiden in seiner Lebensgeschichte das Weibliche als unvertraut und bedrohlich erlebt wurde, finden wir bei ihm nicht selten die Hinwendung zum gleichen Geschlecht; oder sie wählen eine Partnerin, die durch quasi männliche Züge ihm nicht so »ganz anders« erscheint, wie eine sehr weibliche Frau. Die Beziehung ist dann oft eine mehr geschwisterlich-kameradschaftliche, fußt mehr auf gemeinsamen Interessen, als auf der erotischen Anziehung der Geschlechter. In allen Beziehungen erträgt er dauernde Nähe schwer – getrennte Schlafzimmer etwa sind ihm selbstverständliches Bedürfnis, und die Partnerin muß Verständnis dafür haben, will sie ihn nicht in die Abwehr und eine dann erzwungene Distanzierung treiben.
>Zusammenfassend können wir sagen, daß der schizoide Mensch aus welchen Gründen, werden wir noch besser verstehen es wohl am schwersten hat, seine Liebesfähigkeit zu entwickeln. Er ist ungemein empfindlich gegen alles, was seine Freiheit und Unabhängigkeit einzuschränken droht; er ist in der Gefühlsäußerung karg und am dankbarsten, wenn ihm der Partner eine unaufdringliche Zuneigung, ein Stück Heimat und Geborgenheit gibt. Wer ihn zu nehmen versteht, kann mit seiner tiefen Zuneigung rechnen, die er nur nicht recht zeigen und zugeben kann.[31]
>
>Der schizoide Mensch und die Aggression
>Hier und in den folgenden Abschnitten über die Aggression habe ich es vorgezogen, von Aggression statt von Haß zu sprechen, weil Aggression die häufigste Ausdrucksform des Hasses ist und in ihren verschiedenen Erscheinungsformen einleuchtender zu beschreiben ist. Angst und Aggression hängen eng zusammen; wahrscheinlich lösen ursprünglich Unlust und Angst erst die Aggression aus, wobei Unlust wohl die Vorform, die archaische Form der Angst in unserer Frühzeit ist. In dieser haben wir die späteren Möglichkeiten der Unlustverarbeitung und Angstüberwindung noch nicht zur Verfügung, sondern sind der Unlust und Angst hilflos ausgeliefert. Was sie in der Frühzeit auslöst, sind intensive Frustrationen wie Hunger, Kälte, Schmerzen; Störungen des Eigenrhythmus und der Integrität des Lebensraumes; Überbelastungen der Sinnesorgane und Einschränkung der Bewegungsfreiheit; Uberfremdung des EigenSeins durch zuviel überrennende Nähe und Eingriffe anderer; Einsamkeit. Angst ist in dieser Zeit also vor allem intensive Unlust; in jenen Situationen fallen beim Kleinstkind Angst und Aggression zeitlich praktisch noch zusammen: was Unlust und Angst auslöst, löst gleichzeitig Aggression, Wut aus.
>Was hat das Kleinstkind nun für die Angstbewältigung und für die Abfuhr von Unlust zur Verfügung? Zunächst nur ohnmächtige Wut, die sich im Schreien, später im Strampeln und Umsichschlagen, also in motorischer Entladung und Abreaktion äußert. Da es in der Frühstzeit noch keine Unterscheidung von Ich und Du gibt, sind diese Aggressionsäußerungen noch ganz ungerichtet, auf niemanden bezogen – sie sind einfach Abreaktionen von Unbehagen und Unlust zur Entlastung der Befindlichkeit, zur Entlastung des Organismus. Wir können hier von der archaischen Form der Aggression sprechen; sie äußert sich elementar, spontan, unkontrolliert und menschlich noch unbezogen, daher rücksichtslos und ohne Schuldgefühle – diese würden ja eine mitmenschliche Bezogenheit voraussetzen.
>Die Intensität der archaischen Angst ist ungemein groß, weil sie, durch die völlige Hilflosigkeit des Kleinstkindes, von ihm als seine Existenz bedrohend erlebt wird, als Bedrohung seines gesamten Daseins. Entsprechend total wird die Aggression und die Wut erlebt – das Kind ist in solchen Situationen »ganz Wut« oder »ganz Angst«, nur noch besessen von dem Drang, sie abzureagieren, sie loszuwerden, Reflexhaftes sich Zusammenziehen, [32] sich Zurücknehmen von der Welt, oder der beschriebene Bewegungssturm sind wohl die beiden Urformen der Reaktion auf Angst und Unlust auch bei anderen Lebewesen: die Flucht nach hinten, das sich Zurücknehmen bis zum Totstellreflex, oder die Flucht nach vorn, der Bewegungssturm, der Angriff.
>Bleibt nun ein schizoider Mensch weiterhin bindungslos, erlebt er sich auch weiterhin als ungeborgen, ungeschützt, ausgesetzt und gefährdet, wird er wirkliche oder vermeintliche Angriffe und Bedrohungen weiterhin als seine gesamte Existenz gefährdend erleben. Dementsprechend sind seine Reaktionen darauf noch ganz archaisch im oben beschriebenen Sinne: sofortige rücksichtslose Aggression, die nur bedacht ist auf das Beseitigen der Angst bzw. des Angstauslösers, auf die Entlastung seiner Befindlichkeit » to get it out of one's system« sagen die Engländer sehr treffend.
>Man kann sich wohl vorstellen, wie gefährlich diese archaischen schizoiden Aggressionen werden können, die aus dem Gefühl der existenziellen Bedrohtheit bei Menschen stammen, die kaum Bindungen kennen. Sie werden bei ihnen durch nichts gehalten, gebunden, sie sind nicht integriert in ihre Gesamtpersönlichkeit. So bleiben sie elementare Triebabfuhr ohne Rück-sicht. Wie wir es schon bei der Sexualität gesehen hatten, bleibt auch ihre Aggression, bleiben ihre Affekte vom Gesamterleben isolierte, abgespaltene, rein triebhafte Abreaktion, sind nicht eingeschmolzen in ein ganzheitliches emotionales Erleben. Da es ihnen auch weitgehend an Einfühlung mangelt, sind praktisch keine bremsenden Kräfte vorhanden. So dient die Aggression weiterhin nur der Entlastung von Spannungen, wird unkontrolliert und ohne Schuldgefühle ausgelebt. Hinzu kommt, daß schizoide Menschen aus ihrer mitmenschlichen Unbezogenheit heraus keine Vorstellung von der Wirkung ihrer Affekte und Aggressionen auf andere haben sie haben sich ja »nur« abreagiert; der andere ist ihnen dabei gar nicht so wichtig gewesen. Daher sind sie oft zu scharf, verletzend und brüsk, ohne es zu wissen, In einer Tageszeitung war zu lesen, daß ein Jugendlicher einen Knaben umgebracht hatte. Auf die Frage nach seinen Motiven gab er achselzuckend zur Antwort, er hätte keine besonderen Gründe gehabt – der Junge habe ihn irgendwie gestört. So gefährlich kann eine isolierte, vom Gesamterleben abgespaltene, durch nichts gebundene Aggression werden, die aus einer Bereitschaft zum Haß kommt, die durch kleinste Anlässe ausgelöst werden kann, Sie kann sich verselbständigen und alle denkbaren Extremformen annehmen, besonders, wenn sie sich mit dem ebenfalls nicht integrierten Sexual[33]trieb verbündet. Das »Selbstporträt des Jürgen Bartsch« gibt davon ein erschütterndes Zeugnis.
>Der amerikanische Psychiater Kinzel hat an Gefangenen festgestellt, daß die Aggressiven unter ihnen (violent men) einen doppelt so großen Schutzkreis (circle of protection) hatten, wie die nicht Aggressiven. Die Aggressiven – wir würden sie unter die Schizoiden rechnen – reagierten beim Überschreiten dieses Schutzkreises, dieser unsichtbaren, imaginären Grenze durch einen anderen, mit Panik, die sofort in wilden Angriff umschlug. Ein eindrucksvolles Beispiel für schizoide Weltbefindlichkeit, die ein Patient einmal so formulierte: »Wenn man meine Distanz durchbricht, kommt Haß auf.« Man wird an die von Konrad Lorenz beschriebenen Reaktionen bei Tieren erinnert, die mit heftiger Aggression den angreifen, der ihre Reviergrenze übertritt (Konrad Lorenz: »Das sogenannte Böse«).
>Seine mitmenschliche Ungeborgenheit und Bindungslosigkeit, sowie das aus ihnen resultierende Mißtrauen, lassen den schizoiden Menschen die Annäherung eines anderen als Bedrohung erleben, die er zuerst mit Angst, der sofort die Aggression folgt, beantwortet. Dieses Lebensgrundgefühl Schizoider macht manche oft unverständlichen Reaktionen verstehbar. Eine archaische, nicht integrierte, abgespaltene Aggression kann bis zur Gewalttätigkeit gehen, die einen anderen wie ein lästiges Insekt beseitigt, wenn man sich durch ihn bedrängt fühlt. Wie alle ungebundenen, vom Gesamterleben abgespaltenen Triebe, kann sich auch die Aggression gefährlich verselbständigen und dann ins Asoziale oder Kriminelle führen.
>Aber auch abgesehen von solchen Extrembeispielen ist es für schizoide Menschen nicht leicht, ihre Aggressionen zu kontrollieren. Sie selbst leiden im allgemeinen nicht unter ihnen, um so mehr leidet aber ihre Umwelt. Was ursprünglich Angstabwehr war, kann bei ihnen zur lustvollen Aggressivität werden, die dann um ihrer selbst willen ausgeübt wird, bis zu allen möglichen Formen der Grausamkeit, des Sadismus. Schroffheit, plötzliche verletzende Schärfe, eisige Kälte und Unerreichbarkeit, Zynismus und sekundenschnelles Umschlagen von Zuwendung in feindselige Ablehnung sind ihre häufigsten Ausdrucksmöglichkeiten von Aggressionen. Ihnen fehlen auch hier die »Mitteltöne« beherrschter, gekonnter, situationsangemessener Aggression – letzteres allerdings nur von außen gesehen, denn aus ihrem Erleben heraus finden sie ihr Verhalten durchaus situationsadäquat.
>Bei schizoiden Menschen hat aber die Aggression oft noch eine andere Funktion, als die der Abwehr und des Schutzes. Im Sinne [34] der Urbedeutung des Wortes ad-gredi = an jemanden herangehen, ist sie für ihn ein Mittel, Kontakt aufzunehmen, oft das einzige, das ihm hierfür zur Verfügung steht. Aggression kann bei ihm daher eine Form der Werbung sein, die uns vergleichsweise erinnert an die noch ungekonnten Versuche der Annäherung an das andere Geschlecht, wie sie für die Pubertät charakteristisch sind. Hier wie beim Schizoiden besteht die gleiche Mischung aus Angst und Begehren, das Verbergen der Gefühle, das rauhe, aggressive Anfassen statt der nicht gewagten oder nicht gekonnten Zärtlichkeit, die Angst, sich zu blamieren, die Bereitschaft, sich sofort zurückzunehmen, das Umschlagen von Zuneigung in Abneigung und der Zynismus bei wirklichem oder vermeintlichem Abgelehntwerden.
>Es ist für den Umgang mit schizoiden Menschen wichtig, zu wissen, daß bei ihnen Aggressionen auch diese Bedeutung einer Werbung haben können. Aggressivität fällt ihnen leichter, als das Äußern von Zuneigung und anderen positiven Gefühlen. Auf Grund ihrer großen Lücken im mitmenschlichen Kontakt haben sie auch hier eine breite Unsicherheit. Aus der psychotherapeutischen Arbeit mit ihnen wissen wir, daß, wenn man ihnen in gleichmäßiger Zuwendung die Zeit dafür läßt, ihre Kontaktlücken aufzufüllen, es ihnen am ehesten möglich wird, ihre Aggressionen zu integrieren, es zu lernen, mit ihnen adäquat umzugehen.
>
>Der lebensgeschichtliche Hintergrund
>Wie kann es nun zu schizoiden Persönlichkeitsentwicklungen kommen, zu jener Überwertigen Angst vor der Hingabe und, entsprechend, zu dem Überwertigen Betonen der »Eigendrehung«, der Selbstbewahrung?
>Konstitutionell entgegenkommend ist dafür einmal eine zartsensible Anlage, eine große seelische Empfindsamkeit, Labilität und Verwundbarkeit. Als Selbstschutz legt man dann eine Distanz zwischen sich und die Umwelt, weil man zu große physische und psychische Nähe wegen der radarähnlich fein reagierenden Sensibilität und gleichsam Durchlässigkeit als zu »laut« empfindet. So ist für den Schizoiden die Distanz notwendig, damit er überhaupt der Welt und dem Leben gewachsen ist. Die Distanz schafft ihm die Sicherheit und den Schutz, nicht von anderen überfrem[35]det, überrannt zu werden; er ist von der Anlage her gleichsam ein zu offenes System, zu »hautlos«, muß sich daher abgrenzen und teilweise verschließen, um nicht von der Fülle aller aufgenommenen Reize überschwemmt zu werden.
>Die andere Möglichkeit ist die, daß eine besonders intensive motorisch-expansive, aggressiv-triebhafte Anlage vorliegt, eine geringe Bindungsneigung oder -fähigkeit, Anlagen, durch die man von früh an leichter als lästig oder störend empfunden wird. Dann macht man immer wieder die Erfahrung, daß man abgewiesen, zurechtgewiesen, in seiner Eigenart nicht bejaht und angenommen wird, und entwickelt daran das mißtrauische Sichzurücknehmen, das für diese Menschen so charakteristisch ist, zu einem typischen Wesenszug von ihnen wird.
>Nicht eigentlich zur Konstitution im eben verwendeten engeren Sinne zu rechnen, aber doch im Körperlichen liegend, zugleich aber bereits deutlicher auf die Umwelt als auslösenden Faktor weisend, wären körperliche oder sonstige Wesensmerkmale zu nennen, durch die ein Kind von Anfang an die Erwartungen und Wunschvorstellungen seiner Eltern, vor allem der Mutter, enttäuscht. Das kann schon darin liegen, daß es nicht das erwünschte Geschlecht hat, aber auch an beliebigen anderen physischen Merkmalen, die es der Mutter schwer machen, ihm die Zuwendung und Zuneigung zu geben, die es hier braucht; auch unerwünschte Kinder sind hier zu erwähnen.
>Zu diesen konstitutionellen Aspekten – bei denen aber oft die Reaktion der Umwelt darauf mehr für die schizoide Entwicklung verantwortlich zu sein pflegt, als die Anlage selbst , kommen aber nun Umweltfaktoren als wesentlichste Auslöser schizoider Persönlichkeitsentwicklungen hinzu, Um das besser verstehen zu können, müssen wir uns die Situation des Kindes nach der Geburt und in den ersten Lebenswochen vor Augen führen.
>Im Gegensatz zu anderen Lebewesen, ist das Kind nach der Geburt in einer sehr lange währenden extremen Hilflosigkeit und völligen Abhängigkeit von seiner Umgebung, Adolf Portmann hat in diesem Zusammenhang vom Menschen als einem zu früh Geborenen gesprochen.
>Damit sich das Kind allmählich vertrauend der Umwelt zuwenden und die erste Du-Findung vollziehen kann, muß ihm diese Umwelt annehmbar und vertrauenerweckend erscheinen. Annehmbar im Sinne von altersgemäß seinen Bedürfnissen entsprechend. Das Kleinstkind braucht eine Atmosphäre, die man am ehesten als Geborgenheit, sich Aufgehobenfühlen, sich Behaglichfühlen beschreiben kann, als Eingebettetsein in ihm angemessene Lebens[36]bedingungen. Diese »paradiesische« Phase selbstverständlich erfüllter Bedürfnisse sollte es erleben dürfen, weil erst aus solchem Urvertrauen es allmählich wagen kann, die Hingabe an das Leben zu riskieren, ohne die Angst, vernichtet zu werden.
>Seltsamerweise haben wir von diesen dem Kleinstkind nötigen Lebensbedingungen lange nur sehr unbestimmte Vorstellungen gehabt; meist wurde die Differenziertheit und Wahrnehmungsfähigkeit des Säuglings weit unterschätzt, die Wirkung von Außeneinflüssen auf ihn ebenfalls. Sehr eindrucksvoll dafür sind die Untersuchungen des schweizer Kinderarztes Stirnimann an Neugeborenen. Aus seinem Buch »Psychologie des neugeborenen Kindes< nur ein paar Zitate dafür: »In durchaus seriösen Büchern . . . wird die Schmerzempfindung bis zur 6. Woche für ausgeschlossen gehalten; . . . Daß dies nicht der Fall ist, beobachtete ich bei Injektionen, bei denen ich mit der Sicherheit eines Experimentes . . . voraussagen konnte, daß Neugeborene bei der zweiten Injektidn am folgenden Tage schon bei der Desinfektion weinen.« Und über das Gedächtnis: ». , , es gibt auch eine vorgeburtliche Erinnerung: Kinder von Wirtsfrauen sind nach den Beobachtungen unserer Nachtschwestern oft bis nach Mitternacht wach, ohne dabei zu schreien, während Kinder von Bäckersfrauen morgens 2 bis 3 Uhr häufig unruhig werden. Durch die Tagesarbeit und die Nachtruhe der Mutter hat sich das Kind vor der Geburt schon an den rhythmischen Wechsel zwischen Bewegung und Ruhe gewöhnt.«
>Hier ist offensichtlich noch viel zu erforschen; mit Sicherheit dürfte aber aus diesen und anderen Beobachtungen Stirnimann's hervorgehen, daß wir das Empfindungs-, Wahrnehmungs-, und Gefühlsleben des Neugeborenen weit unterschätzt haben. Sachgemäße Säuglingspflege, Ernährung und Hygiene schienen lange Zeit das Wichtigste und völlig Ausreichende für das Kleinstkind zu sein. Erst durch die sorgfältige Erforschung der frühen Kindheit, vor allem auch durch die Psychoanalyse Freud's und seiner Schüler, haben wir hier ganz neue Einsichten gewonnen, ergänzt durch die Verhaltensforschung. Wir verdanken ihnen das Wissen um die prägende Bedeutung von Ersteindrücken und Früherfahrungen, besonders auch das Wissen um die Bedeutung der ersten Lebenswochen.
>Zwar hatte schon Goethe (Gespräch mit Knebel 1810) die gleiche Erkenntnis gehabt, wenn er sagte: »Ein Grundübel bei uns ist, daß auf die erste Erziehung zu wenig gewandt wird. In dieser aber liegt größtenteils der ganze Charakter, das ganze Sein des künftigen Menschen«. Solche intuitiven Einsichten blieben aber verein[37]zelt und es wurden nicht die nötigen Folgerungen daraus gezogen.
>Heute wissen wir, daß die erste Umwelt dem Kinde neben der erwähnten unerläßlichen Säuglingspflege auch emotionale Wärme, Zuwendung, ein ihm angemessenes Maß sowohl an Reizen wie an Ruhe und eine gewisse Stabilität des Lebensraumes bieten muß, damit es sich vertrauend und aufgeschlossen antwortend zu ihr einstellen kann. Von großer Wichtigkeit ist dabei besonders, daß das Kind genügend körpernahe Zärtlichkeit erlebt.
>Erfährt das Kind dagegen in dieser Frühstzeit die Welt als unheimlich und unzuverlässig, als leer, oder aber als überrennend und überschwemmend, wird es sich von ihr zurücknehmen, abgeschreckt werden. Anstatt sich vertrauend der Welt zuzuwenden, wird es ein ganz frühes und tiefes Mißtrauen erwerben. Sowohl die Leere der Welt, die das Kind erlebt, wenn es zu oft und zu lange allein gelassen wird, als auch ein Ubermaß an Reizen und wechselnden Eindrücken, oder eine zu große Intensität der Reize, wirken schizoidisierend auf es; es wird dann bereits im ersten Ansatz seiner Weltzuwendung gestört und gleichsam auf sich selbst zurückgeworfen.
>René Spitz hat in seinen Untersuchungen an Heimkindern gezeigt, daß Kinder, die in den ersten Lebenswochen zu lange von der Mutter getrennt wurden, und so einen ganz frühen Ausfall an mütterlicher Zuwendung erlebten, schwere bis irreparable Schädigungen in ihrer Entwicklung nahmen – selbst bei bester Ernährung und einwandfreien hygienischen Bedingungen, die sie in einem Heim vorfanden, in dem 10 Kinder auf eine Kinderschwester kamen. Alle ganz früh vernachlässigten oder durch ein Reizüberangebot verschreckten Kinder, werden zumindest erhebliche Verspätungen, Einseitigkeiten, Ausfälle oder nicht altersangemessene Frühreife in ihrer Entwicklung aufweisen, weil sie die hier notwendigen Lebensbedingungen nicht oder nicht ausreichend erhielten, und dadurch altersunangemessenen Angsten ausgesetzt waren.
>Besonders leicht kommt es zu solchen frühen schizoidisierenden Schädigungen auch bei den von Anfang an ungeliebten oder unerwünschten Kindern; weiter bei solchen, die frühen Trennungen etwa durch längeren Klinikaufenthalt wegen Erkrankungen, oder dem Verlust der Mutter ausgesetzt waren, Gleiches gilt bei lieblosen oder zu gleichgültigen Müttern, bei zu jungen Müttern, die für die Mutterschaft noch nicht reif waren, gilt auch für die »goldene- Käfig-Kinder«, die oft lieblosem oder gleichgültigem »Personal« überlassen werden, weil die Mutter »keine Zeit« für sie hat; auch die Mütter, die nach der Geburt zu früh wieder arbeiten [38] und das Kind zu lange sich selbst überlassen müssen, können ihm nicht das geben, was es hier braucht.
>Neben solchem Mangel an liebender Zuwendung in der Frühstzeit als einer Quelle für schizoide Persönlichkeitsentwicklungen, ist die andere das Reizüberangebot, wie es bei den Müttern vorliegt, die das Kind nicht in Ruhe lassen und keine Einfühlung in seine Bedürfnisse haben. Das erscheint vielleicht weniger einleuchtend und soll deshalb noch näher beschrieben werden: Für die beginnende Orientierung des Kleinstkindes ist es unerläßlich, . . . daß seine Umgebung eine gewisse Stabilität aufweist, wodurch sie ihm allmählich vertraut wird, so daß es Vertrauen zu ihr fassen kann – Vertrautwerden ist die Basis des Vertrauenkönnens. Ein zu häufiger Wechsel der Bezugspersonen, ein Zuviel an Wechsel der Umgebung und an Sinneseindrücken, kann von ihm nicht verarbeitet werden (z. B. anhaltende lärmende Geräuschkulissen durch Radio und Fernsehen, helle Beleuchtung bis in die Schlafenszeit des Kindes, häufige unruhige Reisen usf.). Solche Unruhe der Umgebung und die Mütter, die gleichsam in das Kind einbrechen, sein Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein überrennen, indem sie sich zuviel mit ihm beschäftigen, es überall mit sich herumschleppen und ihm keine Möglichkeit zu seinen Eigenimpulsen lassen, bewirken ebenfalls, daß das Kind sich zurücknimmt und sich ängstlich und irritiert verschließt. Neben diesen Milieus gibt es auch solche, die das Kind früh überfordern und dadurch schizoidisierend wirken, weil sie ihm kein organisches Wachstum ermöglichen. Es sind diejenigen, in denen sich das Kind zwischen sehr schwierigen oder unreifen Erwachsenen hindurchlavieren muß, die mit ihren eigenen Schwierigkeiten bzw. mit dem Leben nicht fertig werden. Es muß dann zu früh Stimmungen erspüren und Situationen verstehen, um die an sich gespannte und zugleich labile Atmosphäre nicht noch mit sich selbst zu belasten, ja, es muß nicht selten die Elternrolle für sich selbst und die Eltern übernehmen, weil es an ihnen keinen Halt findet und sie selbst keinen in sich haben. Das ist natürlich eine grenzenlose Uberforderung für ein Kind; bevor es sich selbst gefunden hat, wird es in die Elternrolle geschoben, muß ein Verständnis für die Erwachsenen aufbringen, daß es gar nicht dazu kommt, es selbst zu sein, weil es immer nach allen Seiten denken, vermitteln, verstehen und ausgleichen muß, auf solche Weise das Leben der anderen mehr leben muß als es sein eigenes leben kann. Damit wird es nicht nur um seine Kindheit betrogen, sondern es bleibt auch sein Wesenskern unentwickelt, die Sicherheit in sich selbst, und es wird ihm zum Lebensgrundgefühl, auf brüchigem Boden zu stehen.[39]
>Stand man so in der Welt, wird man bemüht sein, sich unverletzlich zu machen wie Siegfried durch das Bad im Drachenblut, um wenigstens der Welt keine Blößen zu zeigen – es werden aber immer verwundbare Stellen übrig bleiben. Wie kann man sich unverletzlich machen? Offenbar indem man sich gefühlsmäßig nicht mehr erreichen läßt, indem man gleichsam mit einer Tarnkappe unerkannt und anonym durch die Welt geht. Man legt sich eine glatte Fassade zu, hinter die niemand blicken kann, so daß andere nie wissen, woran sie mit einem sind. Soweit dennoch Gefühle nicht vermeidbar sind, entwickelt man die Fähigkeit, sie bewußt zu steuern, zu dosieren. Man reflektiert sie also und lernt es, sie bewußt zuzulassen oder abzustellen, wird sich ihnen aber keinesfalls spontan überlassen, denn das könnte gefährlich werden Als die Freundin einer jungen Patientin dieser mitteilte, ihre Eltern hätten sich bei ihr beschwert, daß die Patientin so kalt und feindselig zu ihnen sei, sagte sie nach kurzem Überlegen: »Gut, dann werde ich meinen Haß abstellen« – woraufhin ihr Verhältnis zu den Eltern noch ferner und unbezogener wurde.
>Es sei hier angefügt, daß wir auch noch als Erwachsene eine Toleranzgrenze gegenüber Sinneseindrücken haben; es ist bekannt, daß wir, wie es in manchen Ländern bei Verhören angewendet wird, durch anhaltende Geräuschkulissen oder Lichteinwirkung, sowie durch Abgehaltenwerden vom Schlaf seelisch zermürbt werden können; lang anhaltende Einsamkeit und Dunkelheit können ähnliche Wirkungen hervorrufen, Natürlich ist die Toleranzgrenze des Kleinkindes eine viel engere.
>Von hier aus gesehen bekommt es auch eine besondere Bedeutung, ob ein Kind an der Brust oder mit der Flasche gestillt wird. Die regelmäßige Wiederkehr der Mutter und die beide beglückende Innigkeit beim Bruststillen, ermöglicht dem Kinde nicht nur das allmähliche Wiedererkennen der Person, von der ihm so verläßlich alle Bedürfnisbefriedigung kommt, sondern läßt in ihm auch die ersten Ansätze von auf einen Menschen gerichteter Hoffnung, von Dankbarkeit und Liebe entstehen. Beim Flaschenkind können immer wieder wechselnde Personen, die sich dazu noch sehr verschieden dem Kind gegenüber verhalten mögen, diesen Entwicklungsvorgang zumindest erschweren. Es ist dabei komplizierteren Lernvorgängen ausgesetzt, und wird sich schwerer so intensiv an einen Menschen gebunden fühlen, wie das Brustkind. Wenn wir für die Entstehung der Schizoidie den Mangel an Bindung als ein entscheidendes Charakteristikum erkannten, können Ansätze dazu schon hier gelegt werden durch den Ausfall der geschilderten Innigkeit zwischen Mutter und Kind.[40]
>Die Folge aller beschriebenen Störungen ist jedenfalls, daß das Kind sich von Beginn an gegen die Welt wehren und vor ihr schützen muß, oder von ihr enttäuscht wird. Wenn es draußen keinen adäquaten Partner findet, greift es auf sich selbst zurück, nimmt sich selbst zum Partner, und vollzieht den Schritt von sich weg auf das Du hin unzureichend. In der Weiterentwicklung und wenn es später keine korrigierenden Erfahrungen machen kann, entstehen daraus die oben beschriebenen Lücken, die Neigung zur Unabhängigkeit und die Egozentrizität, die Selbstbezogenheit.
>So sehen in großen Zügen die Umweltfaktoren aus, die schizoide Persönlichkeitsentwicklungen begünstigen. Wir können hier nur andeuten, daß die Generation, in deren Frühzeit der Krieg fiel, der für viele Kleinkinder ähnliche wie die oben erwähnten Umweltbedingungen bedeutete (Unruhe in den ersten Lebenswochen und darüber hinaus durch nächtliche Bombenangriffe, Flüchtlingsschicksale, Trennung der Familie, Verlust der Heimat usf.), daß diese Generation gehäuft schizoide Züge aufweist: ihre Abneigung gegen familiäre Bindungen; die Neigung zu Gruppenbildungen und Massenveranstaltungen, bei denen man sich als zugehörig erleben und doch anonym bleiben kann; und die Unverbindlichkeit in der Beziehung der Geschlechter, können hierher gerechnet werden. Das Halbstarkenproblem ist hiermit in Zusammenhang zu sehen, das auftrat, als diese Generation in die Pubertät kam. Auch mandie Züge der modernen Kunst, die durch den »Verlust der Mitte«, wie man es genannt hat, charakterisiert werden können. Schizoide Kunst wirkt am ehesten aufrüttelnd, oft ist sie aber abstoßend. Nach Fuhrmeister und Wiesenhütter (»Metamusik«) soll sich in Orchestern, die vorwiegend moderne Kompositionen aufführen, häufig das gesamte Musikerensemble nach Proben solcher Stücke krank fühlen.
>Aber auch die gesamte Umweltsituation des westlichen Menschen wirkt sich scbizoidisierend aus: die Welt gibt uns immer weniger Geborgenheit; trotz allem Komfort fühlen wir uns immer gefährdeter, und unser Lebensgefühl wird labilisiert durch die Uberfülle an Reizen, denen wir ausgesetzt sind und gegen die wir uns nur schwer abschirmen können; das Schreckgespenst möglicher Kriege und das Wissen, daß wir heute in der Lage sind, uns selbst total zu vernichten, die gefährliche Machbarkeit und Beeinflußbarkeit auch lebendiger Entwicklungen durch Technik und Naturwissenschaften, haben in uns ein Gefühl existenzieller Bedrohtheit entstehen lassen, wie wir es für die Entstehung schizoider Strukturmerkmale erkannt hatten, Als Gegenbewegung läßt sich die zunehmende Neigung zum Yoga, zu meditativen Übungen [41] bewerten, und das spürbar werdende Bedürfnis nach einer Rückbesinnung auf die Innenwelt läßt sich noch im Gebrauch der Drogen erkennen; die Hippies und Gammler wollen bewußt auf die Errungenschaften einer Technik und Zivilisation verzichten, deren unkontrollierte Herrschaft uns allen immer fragwürdiger geworden ist. Die Beherrschung der Natur, die Zeit und Raum überwindende Technik, und die Lebensbedingungen, unter denen wir unseren Existenzkampf durchführen müssen, drohen unsere gemüthaften Seiten immer mehr verkümmern zu lassen, so daß wir von einem Schizoidisierungsprozeß der westlichen Gesellschaft sprechen können.
>Mangel an altersgemäßer Geborgenheit in der frühesten Kindheit ist also gleichsam die Kurzformel für die Entwicklung schizoider Persönlichkeitsstrukturen, soweit sie mit den Umwelteinflüssen zusammenhängen. Ob und wie weit vorgeburtliche, intrauterine Einflüsse über den mütterlichen Organismus hier schon mit hereinwirken, ist noch zu wenig erforscht, wenn auch durchaus wahrscheinlich. So gibt Stirnimann in seinem schon erwähnten Buch an, daß es gelang, die Hörfähigkeit schon vor der Geburt nachzuweisen: man stellte eine schwangere Frau vor den Röntgenschirm und ließ eine Autohupe ertönen, woraufhin das Kind zusammenzuckte. Möglicherweise kann über das emotionale und affektive Erleben der Mutter, über ihre gefühlsmäßige Einstellung zur Schwangerschaft und zum Kinde, jene Ungeborgenheit bereits im Mutterleib beginnen, wenn die Mutter statt Bejahung und freudiger Erwartung – aus welchen Gründen auch immer – feindselige, ablehnende oder haßerfüllte Einstellungen zu dem werdenden Kind hat.
>
>Beispiele für schizoide Erlebnisweisen
>Ein begabter, aber sehr eigenwilliger und fast kontaktloser Musiker lebte in einer schwierigen finanziellen Situation. Von einem Bekannten bekam er eine Stellung vermittelt, die gut bezahlt war, auch im Rahmen seiner Interessen lag, und so eine entscheidende Hilfe für ihn bedeutet hätte. Am Tage, an dem er die Stelle antreten sollte, die er bereits zugesagt hatte, blieb er unentschuldigt weg und verlor die Chance. Vor sich selbst argumentierte er, der Freund habe ihm nur seine Überlegenheit zeigen und ihm seine [42] klägliche Lage vor Augen führen wollen – vielleicht habe er sogar homosexuelle Motive gehabt.
>Statt also annehmen zu können, was ihm wohlwollend angeboten worden war, bekam er Angst, abhängig zu werden und dem anderen dankbar verpflichtet sein zu müssen. Er mußte das vor sich selbst umdeuten, indem er dem Freunde fragwürdige Motive unterschob. Etwas tiefer unter dieser schwer verständlichen Haltung lag aber zugleich, daß er dem anderen eine Bewährungsprobe zumutete: Wenn er es mit seinem Helfenwollen wirklich ernst meint, und sich durch mein Verhalten nicht abschrecken läßt, wenn er mich trotzdem nicht fallen läßt, bedeute ich ihm wirklich etwas.
>Hier sieht man recht klar die Aussichtslosigkeit, aus solchem verhängnisvollen Zirkel herauszukommen und neue Erfahrungen mit Menschen zu machen: Wann ist für ihn die Garantie gegeben, daß er an eine echte Zuwendung glauben könnte? Und wer wäre andererseits bereit, sich soviel zumuten zu lassen, und sich um das Verständnis der Hintergründe solchen Verhaltens zu bemühen? Dazu ist die Welt im allgemeinen in keiner Weise geneigt.
>Dabei lag die Situation bei diesem Mann insofern noch komplizierter, als er fast gleich stark wünschte, der Bekannte möchte sich trotz seines Verhaltens weiter um ihn bemühen, wie daß er ihn fallen ließe. Im ersten Falle hätte er nämlich seine Meinung von den Menschen einmal korrigieren müssen und vertrauen können, wonach er sich sehnte. Im zweiten Falle wäre er in seiner Weltanschauung, daß die Menschen doch nicht vertrauenswürdig seien, bestärkt worden, und hätte sich weiter »berechtigt« voll Bitterkeit in seine heroische Einsamkeit und seine Menschenverachtung zuruckziehen können, was bequemer war.
>Dieser Musiker hatte häufig wechselnde Freundinnen, die er jeweils bald verließ, weil ihm bei der einen die Art wie sie sich kleidete, bei der anderen die Beine, bei einer dritten ihre Bildung usf. nicht zusagten – Rationalisierungen für seine Bindungsangst und zugleich ein Schutz davor, jemanden vielleicht doch einmal zu lieben und sich damit allen Gefährdungen auszusetzen, die »Lieben« bedeutet. Biographisch sei hier nur angedeutet, daß er ein außereheliches Kind war, das früh immer wieder zu verschiedenen Verwandten gegeben und von diesen als lästig empfunden wurde.
>Ein weiteres Beispiel für diese Persönlichkeitsstruktur: Ein Mann in mittleren Jahren erlebte sich immer wieder in quälender Form als Außenseiter. Er hatte das Gefühl, daß er nirgends wirklich dazugehörte, daß andere Menschen ihn ablehnten oder spöttisch- kritisch ansahen. Er litt darunter, es machte ihn unsicher, und seine berufliche Laufbahn drohte immer wieder daran zu [43] scheitern, daß er von anderen als Fremdkörper und als »äuBerst schwierig« empfunden wurde und nun, im typischen verhängnisvollen Zirkel, in seiner Reaktion darauf tatsächlich immer schwieriger zu behandeln war. Er wurde öfter plötzlich, scheinbar ganz unmotiviert, ausfällig, gegen Vorgesetzte verletztend ironisch, »schnitt« Arbeitskollegen grundlos, fiel in Kleidung und Lebensführung so aus dem Üblichen heraus, daß man sich immer mehr von ihm zurückzog, nichts Gemeinsames mit ihm hatte.
>Auf Grund der zunehmenden Distanz und Vereinsamung projizierte nun nicht nur er vieles auf seine Umwelt, sondern, wie es dann in regelmäßig zu findender Wechselseitigkeit zu sein pflegt, die Umwelt projizierte ihrerseits ebensoviel auf ihn, wie wir ja immer dazu neigen, auf uns fremd, ungewohnt oder unheimlich Erscheinendes eigene Probleme und nicht integrierte, unbewußte Seelenanteile zu projizieren. So wurde er mehr und mehr gleichsam zum schwarzen Schaf, zum Sündenbock des jeweiligen Kollektivs, in dem er lebte und wirkte. Da man ihn wenig wirklich kannte, war er den meisten Kollegen irgendwie unheimlich, ohne daß sie sich indessen jemals bemühten, sich über die Gründe ihrer Ablehnung klar zu werden. So bi

F. ( gelöscht )
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01.04.2002 02:44
#3 RE: [Exzerpt] Schizoide Persönlichkeitsstruktur Thread geschlossen

Ordnungen beugte.[45]

Ein freundschaftlicher Kontakt gelang ihm bei aller Sehnsucht danach nicht, weil er von den anderen als zwar interessanter und amüsanter, aber letztlich doch komischer Außenseiter empfunden wurde. Da er zugleich sehr begabt und gescheit war, hatte er eine gewisse Anerkennung der Kameraden, aber keinen wirklichen Freund.

Mit 12 Jahren begann dann, was er selbst später seine »große Krankheit« nannte: Schmal, blaß, hoch aufgeschossen und anfällig für Krankheiten, wie er war, ließ ihn die Stiefmutter vom Turnen befreien und untersagte ihm jede Art von Sport, »wegen deines Herzens und weil du zu schnell gewachsen bist«. Das Ergebnis war unter anderem, daß er kein gesundes Körpergefühl entwickeln konnte, sich in seinem Körper nicht zu Hause fühlte, und die dafür charakteristischen Züge von Gehemmtheit und Linkischkeit aufwies; damit fiel ein weiteres Glied möglichen Kontaktes, leiblicher Nähe und gesunden Rivalisierens aus.

Die Stiefmutter schleppte ihn, hinter Uberbesorgtheit ihre Abneigung gegen ihn verbergend, von Arzt zu Arzt. Er mußte lange im Bett liegen, ohne daß etwas Bestimmtes gefunden wurde. Die Arzte spielten das Spiel mit, bis es endlich einem von ihnen gelang, eine latente Lungentuberkulose festzustellen. Nun wurde er für über 2 Jahre auf sein Zimmer und meist sogar auf das Bett beschränkt. In dieser Zeit las er Unmengen von Büchern, wahllos, was ihm gerade zugänglich wurde, aus der reichhaltigen väterlichen Bibliothek. Er formulierte einmal in der Behandlung sehr treffend über sich: »Ich bin emotional 10 Jahre jünger als intellektuell« – was ein typischer Ausspruch schizoider Menschen sein könnte. »Ich weiß nicht, ob ich homo oder heterosexuell bin«, war eine andere Feststellung von ihm, die Unsicherheit über sein Geschlechtsempfinden ausdrückend.

Mit über 14 Jahren kam er dann erst wieder in die Schule, und dieser zweite Versuch verlief kontaktmäßig nicht glücklicher als der erste. Die 2 Jahre der Isolierung, gerade um die Pubertät herum, die er wieder abgesondert von Gleichaltrigen erlebte, wodurch er vorwiegend auf seine Phantasie angewiesen und ohne Partner war, hatten ihn verständlicherweise noch mehr auf sich selbst zurückgeworfen und seine Kommunikationsschwierigkeiten verstärkt. Wieder wurde er von den anderen als Fremdkörper erlebt – er kam ja zudem als Neuling in ein Klassenkollektiv, das schon durch Jahre zusammengewachsen war.

In einem Testfragebogen nach zukünftigen Berufswünschen schrieb der 15jährige »Berufsraucher«. Man reagierte sauer auf diese Halbstarkenironie und sah nicht die dahinterstehende Not und Hilflosigkeit, verstand sein Verhalten nicht als Alarmsignal an die Umwelt. Als Student trat er in eine schlagende Verbindung ein – etwas ihm völlig Ungemäßes, aber ein erneuter Versuch, »dazuzugehören«, sich mit Gleichaltrigen zu messen und sich männlich zu bewähren, Aus den gleichen Beweggründen meldete er sich später freiwillig zum Militär, blieb aber auch hier ein Sonderling, der nur häufig durch seine Ungeschidclichkeit die anderen zu gutmütigem Spott reizte.

Nach dem Militär setzte er seine Studien fort; er studierte Geschichte, [46] Sprachen und Literatur. Nach Abschluß des Studiums ging er ins Lehrfach und wurde ein fachlich anerkannter Eigenbrötler, der nur in der Welt der Bücher zu Hause war. Die Schüler schätzten seine profunden Kenntnisse und sahen ihm seine Schwächen nach. Mit 24 Jahren heiratete er – richtiger wäre es zu sagen: wurde er geheiratet. Die Frau beklagte sich bald, daß ihn seine Bücher und Studien mehr interessierten als sie was er gar nicht verstand, da er ihr das ihm mögliche Maß an Zuwendung gab, und seinerseits enttäuscht war, daß sie zu wenig auf seine geistige Welt und seine Interessen einging. So fielen in die noch junge Ehe bald beiderseitige Untreuen, auf seiner Seite auch homosexuelle Erlebnisse, auf die er dann mit schweren Schuldgefühlen und an Verfolgungswahn grenzenden Reaktionen antwortete, die ihn schließlich zur Psychotherapie brachten.

Die mitgeteilte Biographie enthält manches Typische in bezug auf den lebensgeschichtlichen Hintergrund schizoider Persönlichkeitsentwicklungen: Zu große Ferne, Gleichgültigkeit und unregelmäßige Verfügbarkeit der Bezugspersonen von Beginn an; dazu Mangel an körpernaher Zärtlichkeit und Verständnis für die Bedürfnisse des Kindes. Ferner der Ausfall an Führung, und Alleingelassenwerden bei wichtigen Entwicklungsschritten; zu wenig Kontakt und gemeinsames Erleben mit Gleichaltrigen, zu wenig Zugehörigkeit zu Gruppen, zu einer Gemeinschaft. Ungenügende Entwicklungsmöglichkeiten für die Gefühlsseite, für das Vertrauenkönnen, All das läßt Lücken im Umgehen mit anderen Menschen entstehen, einen Mangel an Lebenstechnik, der einen immer wieder auf sich selbst zurückwirft, nicht zuletzt durch die Reaktionen der Welt, die einen solchen Menschen noch mehr auf die Rolle des Außenseiters festlegen.

Man kann wohl verstehen, daß auf solcher Basis die eine Grundform der Angst, die vor der Hingabe und Nähe, sich entwickelt, daß dementsprechend der Impuls zur Selbstbewahrung überwertig werden muß, und die Autarkie als einzige Möglichkeit der Selbsterhaltung erscheint. Denn nun macht der Schizoide sozusagen aus der Not eine Tugend, indem er seine Einsamkeit zu einem Wert erhebt. Das kann sich steigern bis zu extremen Formen des Narzißmus und zu verbitterter Feindschaft gegen alle und alles, zur Menschenverachtung, zum Zynismus und Nihilismus. Dahinter indessen, von niemandem bemerkt und ängstlich verborgen, besteht eine tiefe Sehnsucht nach Nähe, Vertrauen, nach Lieben und Geliebtwerdenwollen. Man kann wohl auch verstehen, daß von hier aus die Entwicklung leicht ins Asoziale und Kriminelle gehen kann – es bedarf manchmal nur noch einiger zusätzlicher Auslöser dafür. Die Steigerung der Verhaltensweisen Schizoider von anfänglichem Mißtrauen über Ablehnung, Indifferenz, Kälte bis [47] zum Haß und zur Menschenverachtung, ist meist die Reaktion auf ihre Umwelterfahrungen, die zu dem oben beschriebenen Teufelskreis führen.

Noch ein kurzes Beispiel, eine Selbstschilderung, die die fehlende emotionale Kontaktbezogenheit und den Versuch, sie durch rationale Mittel der Orientierung zu ersetzen, besonders plastisch schildert – ein schizoider Patient sagte einmal:

»Ich habe immer den Eindruck, daß da, wo andere aus dem Gefühl heraus reagieren, bei mir ganz schnell eine Reihe von SchaltProzessen abläuft.«

Eine ausgezeichnete Beschreibung davon, daß bei schizoiden Menschen die ungeübte Gefühlsbeziehung durch intellektuelle Wachheit und radarähnliche Sensibilität der Sinnesorgane und Denkvorgänge – die »Schaltprozesse« – ersetzt wird.

Schwere Belastungen und Konflikte, die sie nicht bewältigen können, setzen sich dann in körperliche Symptome um; bei ihnen werden entsprechend ihrer Problematik vor allem die Sinnesorgane, sowie die Organe des Kontaktes und des Austausches betroffen, die Haut und die Atmung; asthmatische Beschwerden und Ekzeme gehören hierher, die manchmal schon sehr früh auftreten. Die Haut ist ja das Organ, das uns sowohl abgrenzt von der Umwelt, als auch mit ihr in Berührung bringt, und an ihr drücken sich die Kontaktschwierigkeiten schizoider Menschen bevorzugt aus, in Durchblutungsstörungen, Psoriasis und Schweißen usf.



Ergänzende Betrachtungen
Fassen wir noch einmal zusammen: Beim schizoiden, »gespaltenen« Menschen ist der ganzheitliche Erlebniszusammenhang seiner seelischen Eindrücke, Antriebe und Reaktionen in verschieden hohem Maße zerrissen; vor allem seine Vitalimpulse sind isoliert, vom Gefühlserleben abgespalten. Bei ihm ist mit anderen Worten die Integration der verschiedenen Erlebnis- oder Persönlichkeitsschichten durch das einschmelzende Gefühl nicht geglückt. Vor allem zwischen Verstand und Gefühl, zwischen Rationalität und Emotionalität, besteht ein großer Unterschied des Reifegrades; Gefühlsabläufe und Verstandeserfahrungen laufen gleichsam getrennt, verschmelzen nicht zu einheitlichem Erleben. Weil er sich von früh an durch den Verstand und die Sinneswahrnehmungen orientieren mußte, da er keine ausreichende emotionale Orientie[48]rung lernen konnte, stehen ihm keine Gefühlsnuancen zur Verfügung; er kennt vorwiegend die primitiven Vorformen des Gefühls, die Affekte; es ist, als ob auf der Palette seiner Ausdrucksmöglichkeiten die Mitteltöne fehlten, nur die Extreme schwarz und weiß vorhanden sind. All das sind Folgen des Ausfalls an emotionalen mitmenschlichen Bindungen.

Als Schutz gegen seine Angst vor der Nähe versucht der schizoide Mensch die größtmögliche Unabhängigkeit zu erreichen. Mit solcher Neigung zur Autarkie und mit dem Ausweichen vor Nahkontakten ist aber ein Kreisen um sich selbst, eine zunehmende Egozentrizität unvermeidbar verbunden, die ihn mehr und mehr in die Isolierung treibt. Man kann verstehen, daß solche Menschen wohl die intensivsten Angste überhaupt erleben, denn Einsamkeit und Isolierung wirken angstverstärkend. Vor allem die Angst verrückt zu werden, kann bei ihnen unerträgliche Grade annehmen – auch in ihr spiegelt sich das Erleben des Andersalsdie anderenSeins und der Ungeborgenheit in der Welt. Ein solcher Patient sagte einmal: »Angst ist die einzige Realität, die ich kenne« ; charakteristischerweise konnte er die Angst nicht als Angst vor etwas Bestimmtem, Konkretem, schildern, sondern er erlebte sie als total. Und ein anderer: »Ich kenne keine Angst; irgendwo hat etwas in mir wahrscheinlich Angst, aber diese Angst ist nicht in meinem Ich« – er hatte sich völlig von seiner Angst distanziert, sie schien gar nicht mehr in seinem Bewußtsein zu sein; aber man kann sich denken, wie labil ein solcher Zustand ist, wie leicht das Ich von der abgespaltenen Angst überschwemmt werden kann.

Schon das Mitteilenkönnen einer Angst ist eine Erleichterung. Wenn man das aber nie wagt, weil man fürchtet, sich dadurch den anderen auszuliefern oder für verrückt gehalten zu werden, wenn man sich ihnen in seiner ganzen Schwäche und Ungeschütztheit zeigen würde, kann Angst durch Anhäufung über lange Zeit Grade erreichen, die nicht mehr auszuhalten sind. Dann kann es zu Durchbrüchen der Angst kommen bis zur Psychose als letztem verzweifelten Versuch, der Angst zu entrinnen. Man wird »ver-rückt«, man »ver-rückt« die realen Maßstäbe und rettet sich in eine irreale Welt, in der man selbst gesund und die Außenwelt krank erscheint – was in manchen Fällen sogar stimmen kann. Man verlegt damit seine Angste auf Objekte der Außenwelt, wo man sie leichter vermeiden, bekämpfen oder beseitigen kann; vor der Innenangst gibt es kein Entrinnen.

Mit Wachsendern Autismus verliert der schizoide Mensch immer mehr das Interesse an der Welt und den Menschen, ein Vor[49]gang, den man als Objektverlust bezeichnet hat und der von ihm selbst oft als Weltuntergangserlebnis beschrieben wird, Wenn man nämlich seine interessierte Anteilnahme an der Welt, seine emotionale Zuwendung zu ihr, immer mehr zurücknimmt, verarmt die Welt, sie »geht unter«, wird zu nichts, wird vernichtet. Ein solches Lebensgefühl drücken die Träume schizoider Menschen oft aus: »Ich befinde mich auf einer großen rotierenden Scheibe, wie ein Teufelsrad, das schneller und schneller kreist; ich kann mich kaum noch halten, rutsche dem äußeren Rand immer näher und kann jeden Augenblick ins Nichts hinausgeschleudert werden.« Oder: »Eine Festung aus Zementmauern mit wenigen kleinen Gucklöchern in einer riesigen Sandwüste; die Festung ist schwer bewaffnet und mit Lebensmitteln für Jahre ausgestattet; ich bewohne sie allein.« Die Einsamkeit, Abschirmung, die Angstabwehr und das Autarkiebedürfnis lassen sich kaum treffender darstellen.

»Eine öde Schneelandschaft; im Hintergrund ein paar abgeknickte Bäume, im Vordergrund eine kleine Wanne mit warmem Wasser; ich fühle mich sehr einsam.« Dieser Traum stammt von einem Jugendlichen und schildert seine Situation:

Er wurde als drittes und letztes Kind nach der Rückkehr des Vaters aus dem ersten Weltkrieg geboren. Der Vater hatte eine Kopfverwundung, durch die er ungemein störbar und reizbar war, und für die Verwaltung des Bauernhofes, auf dem die Familie lebte, weitgehend ausfiel. Die Mutter war sehr um ihn bemüht, übernahm zugleich die Führung des Hofes und hatte für das Kind wenig Zeit – in der Sprache des Traumes: Das Wenige an Wärme, wie es in der Wanne dargestellt ist. Der Junge fühlte sich sehr einsam und konstruierte als etwa 12jähriger folgende »Verbindung« zu der Mutter: sie pflegte abends, wenn er schon im Bett lag, Klavier zu spielen; er verband eine Taste durch einen Draht und eine Batterie mit einem Lämpchen an seiner Bettwand, das aufleuchtete, wenn die Mutter beim Spielen diese Taste niederdrückte.

Ähnliche psychodynamische Hintergründe liegen nicht selten technischen Erfindungen zugrunde, die unbewußt ein Mangelerlebnis der Kindheit korrigieren sollen, hier ein ungesättigtes Kontaktbedürfnis.

Man könnte schizoides In-der-Welt-Sein kaum prägnanter darstellen als es solche Träume tun. Eine ähnliche Gestimmtheit scheint Maxim Gorki gekannt zu haben, der eine sehr schwere Kindheit hatte und sehr früh auf Wanderschaft ziehen mußte, um [50] Geld zu verdienen. Als er einmal Tolstoi besuchte, erzählte er diesem einen Traum, in dem er auf einer der endlosen winterlichen russischen Straßen ein paar Stiefel marschieren sah – nur die Stiefel. Man könnte Einsamkeit kaum knapper darstellen.

Das sich Zurücknehmen von der Welt und das sich auf sich selbst Zurückziehen führt also allmählich zum Weltverlust, der mit großer Angst erlebt wird, als ein Fallen ins Nichts, in die absolute Leere, wie im Traum mit dem Teufelsrad. Häufig nehmen bei schizoiden Menschen Angstvorstellungen und Träume auch die Form von Weltkatastrophen apokalyptischer Art an. Wer sich selbst zu fest halten will, droht die Welt zu verlieren, so daß er schließlich nur noch allein zu existieren meint.

Schildern wir die Folgen, die sich aus der Angst vor der Nähe und der Überwertigen »Eigendrehung« ergeben, noch an einigen Beispielen. Die damit gegebene mißtrauische Wachheit droht dann immer mehr zu krankhafter Eigenbezüglichkeit zu werden; solche Menschen hören dann, wie der Volksmund sagt, »das Gras wachsen« und »die Flöhe husten«, das heißt, sie vermeinen immer und überall Gefahren zu wittern und vermuten noch hinter der harmlosesten Bemerkung beunruhigende Motive.

Als ich in meinem Praxisraum einmal ein Bild umgehängt hatte, vermutete ein schizoider Patient sofort, daß ich damit eine bestimmte, auf ihn bezogene Absicht gehabt, seine Reaktion auf die Veränderung hätte testen wollen. Neben der fast paranoiden Eigenbezüglichkeit fällt an diesem Beispiel auf, mit welcher fein registrierenden Sinnenwachheit Schizoide auch die geringsten Änderungen in der Umwelt wahrzunehmen pflegen, die anderen überhaupt nicht auffallen. Sie sind eben zu ihrer Weltorientierung fast ausschließlich auf ihre Sinneswahrnehmungen angewiesen, die sie deshalb so geschärft haben. Ein anderes Mal, als während seiner Therapiestunde das Telefon ein paarmal klingelte, meinte der gleiche Patient, ich hätte diese Anurfe bestellt, um zu prüfen, wie er auf die Störung reagieren würde.

Wenn man so fast alles, was man draußen wahrnimmt, in Beziehung zu sich setzt – was jemandem anderen mit mehr Kontakt und lebendigerer Beziehung zur mitmenschlichen Umwelt gar nicht in den Sinn käme , unterliegt man mehr und mehr einem Beziehungs- und Bedeutungswahn, der bis zum eigentlichen Wahnsystem ausgebaut werden kann und dann nicht mehr zu korrigieren ist. Dann begegnet einem nichts und niemand mehr zufällig, dann geschieht draußen nichts mehr, was nicht in einer geheimen Beziehung zu einem selbst steht und eine besondere Bedeutung hat, die man nun zu ergründen bemüht ist.[51]

Das ist natürlich äußerst quälend und beunruhigend; so verliert man nicht nur alle Unbefangenheit, sondern man ist gleichsam dauernd auf dem »qui vive?«, immer bereit, sich gegen plötzliche Überraschungen und vermeintliche Gefahren abzuschirmen. Man streckt daher nur äußerst vorsichtig seine Kontaktfühler wie eine Schnecke auf die Welt hin aus, bereit, sie sofort zurückzuziehen, wenn einem jemand zu nahe kommt.

Ein junger Mann, der schon mehrfach im Berufe versagt und gerade wieder einen Mißerfolg erlitten hatte, verarbeitete das Gefühl des Versagthabens wahnhaft. Er wollte sich sozial emporarbeiten, aber er hatte ein zu geringes Selbstvertrauen und auch keine Unterstützung von zu Hause, wo man meinte, er wolle nur unbedingt etwas »Besseres« sein und »zu hoch hinaus«, er solle doch lieber in die väterlichen Fußstapfen treten und auf dem Bauernhof bleiben – Schuster bleib' bei deinen Leisten! So war er besonders ehrgeizig bemüht, es zu schaffen, es den anderen zu zeigen; daher trafen ihn seine Mißerfolge besonders schwer schienen sie doch der Familie Recht zu geben. Wir hatten diese Zusammenhänge schon mehrfach zu verstehen versucht, uns bemüht, seine wahnhaften Vorstellungen durch genaue Realitätsprüfung aufzulösen. Aber als er die oben erwähnte Niederlage erlebt hatte, verfiel er wieder in die wahnhafte Verarbeitung: er kam niedergeschlagen in die Behandlung und sagte bitter und fast herausfordernd: »Wollen Sie diesmal vielleicht wieder sagen, daß es nur ein Zufall war, daß ich heute auf dem Bahnhof einen Mann sah, der einen abgerissenen Anzug anhatte, der genau meinem einzigen guten Anzug glich in Farbe und Stoffart – ist das nicht ein eindeutiger Hinweis, daß er mir damit zu verstehen geben wollte, daß ich ein Versager, heruntergekommen bin?« Hier können wir die wahnhafte Verarbeitung seines Minderwertigkeitsgefühls, seines Versagthabens gut erkennen, auch die psychodynamischen Hintergründe, die ich kurz angedeutet habe. Hier sieht man auch, wie nahe Vorurteile an solche wahnhaften Vorstellungen grenzen – wir könnten cum grano salis sagen, daß ein Vorurteil schon einen Ansatz zum Wahn aufzeigen kann: wir pflegen an Vorurteilen genauso affektiv festzuhalten, nicht bereit, sie einer gründlichen Realitätsprüfung zu unterziehen, um sie vielleicht zu korrigieren, wie jener Patient an seiner wahnhaften Vorstellung festhielt.

Ansätze zu solchem Beziehungswahn kennen wir aber auch bei uns selbst, in seelisch belastenden Zeiten, oder wenn wir nicht verarbeitete Angste oder Schuldgefühle haben. Wer etwa im [52] Dritten Reich gegen die Partei und die Machthaber eingestellt war und öfter etwas gegen sie geäußert hatte, unterlag leicht einem gewissen Verfolgungswahn und sah in jedem SA- oder SS-Mann einen gefährlichen Feind, der vielleicht durch Denunziation gehört hatte, was man gesagt hatte, oder sonst etwas über einen wußte, was ausgereicht hätte, einen ins Konzentrationslager zu bringen. Einsamkeit und Isolierung sowie mitmenschliche Ungeborgenheit und reale Gefährdungen begünstigen wahnhafte Reaktionen. Wer nachts allein in einem fremden Haus, vielleicht noch in einem fremden Land ist und ein ihm unbekanntes Geräusch hört, wird leichter dazu neigen, es falsch und gleichsam wahnhaft zu deuten, besonders wenn er seelisch aufgewühlt oder voll Angst oder Schuldgefühl ist, als wenn er entspannt in der schützenden Gesellschaft ihm vertrauter Menschen sich befindet. So enthüllt uns der Beziehungswahn schizoider Menschen auch nur wieder ihr Grundproblem: ihre Isoliertheit und ihre mitmenschliche Ungeborgenheit. Die Beispiele zeigen aber zugleich, wie schmal die Grenze zwischen gesund und krank ist, wie wir in Ausnahmesituationen Reaktionen zeigen, die wir sonst nur bei Kranken kennen – weil eben diese Kranken lange Zeit unter solchen Ausnahmebedingungen standen, an denen sie ihre »krankhaften« Reaktionen entwickelten – entwickeln mußten als Selbstschutz.

Noch ein Beispiel dafür, wie bei einem anderen schizoiden Patienten seine unterdrückte Kontaktsehnsucht und seine Zärtlichkeitswünsche wahnhaft verarbeitet wurden: Ein sehr einsamer und fast kontaktloser Mann in den späten Zwanzigern saß einmal im Konzert neben einem jungen Mann, der ihn außerordentlich anzog. Immer wieder blickte er ihn unauffällig von der Seite an und verspürte ein zunehmendes Verlangen, Kontakt mit ihm aufzunehmen, ihn anzusprechen. Ungeübt im Umgang mit Menschen und mit seinen eigenen Impulsen, wurde er mehr und mehr von einer Angst ergriffen, die ihn zunächst nur unbestimmt beunruhigte, dann aber sich zu einer Panik steigerte, als er vermeinte, von dem Mann farbige Kreise ausgehen zu sehen, die sich um ihn legen wollten, als ob jener ihn damit einkreisen, einfangen wolle; kalter Schweiß brach ihm aus und er mußte den Konzertsaal fluchtartig verlassen.

Hier ist gut zu erkennen, wie die unterdrückten Wünsche nach Kontakt, Zärtlichkeit und dahinter auch nach homosexueller Annäherung, die er dem Manne gegenüber nicht anzudeuten, zu erkennen zu geben wagte, nun von ihm als von jenem ausgehende Bemächtigung projiziert wurden. Auch hier ist die wirkliche Si[53]tuation gleichsam ver-rückt, die Innenangst wird nach außen als Bedrohung verlegt, der er sich nur durch die Flucht entziehen konnte.

Ist man so labil und ungeschützt der Welt innen und außen ausgesetzt, kann man verstehen, daß schizoide Menschen eine Lebenstechnik zu entwickeln versuchen, durch die sie nichts mehr wirklich an sich heranlassen, die es ihnen ermöglicht, unberührt und ungerührt zu bleiben, immer sachlich, distanziert und möglichst überlegen, durch nichts aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber auch durch nichts mehr wirklich zu erreichen. Das kann alle Grade von kühler Distanz, Arroganz, Unnahbarkeit bis zu Eiseskälte und Gefühllosigkeit annehmen, oder, wenn diese Schutzhaltungen nicht mehr ausreichen, zu plötzlichen Schärfen und explosiven Aggressionen führen, wie wir sie beschrieben hatten. Hier kann die jeweilige Umwelt eine echte Hilfe für ihn werden, wenn sie mehr von den Zusammenhängen seines Verhaltens weiß, wenn sie versteht, aus welcher inneren Not seine Verhaltensweisen kommen.

In der Therapie schizoider Menschen kommt man mit Grenzzuständen in Berührung, die die Gefährdetheit menschlicher Existenz aufleuchten lassen. Gerade deshalb können wir von ihnen lernen, was für den Menschen existenziell wichtig ist, welche familiären und sozialen Umweltfaktoren anderseits unsere Entwicklung in einem Ausmaß gefährden, das, wenn überhaupt, nur sehr schwer ausgeglichen werden kann. Geniale Menschen entwickeln sich manchmal auf solchem Hintergrund, im Annehmen des Gefühls totalen In-Frage-gestellt-Seins, womit wir die oft schmale Grenze zwischen Genialität und Psychose angedeutet haben. So viel ist jedenfalls sicher: wenn diese Menschen es vermögen, ihr Leid und ihre Angste durchzustehen und zu überwinden, können sie höchste Menschlichkeit erreichen.

Es sei noch betont, daß schizoide Züge sehr verschiedene Intensität annehmen können. Wenn wir versuchen, eine Reihe schizoider Persönlichkeiten aufzustellen, die von durchaus noch gesund zu nennenden, über leichter und schwerer Gestörte bis zu den schwerst Gestörten führt, kämen wir etwa auf die folgende: leicht Kontaktgehemmte – Übersensible – Einzelgänger – Originale Eigenbrötler – Käuze – Sonderlinge – Außenseiter – Asoziale – Kriminelle – Psychotiker. Es finden sich unter ihnen gar nicht selten geniale Begabungen. Beim Genialen wirkt sich die Einsamkeit und Ungehundenheit positiv aus, indem er freier von Traditionen und Rücksichten Dinge erkennen kann, die der Geborgene und Traditionsgebundene nicht sieht oder zu se[54]hen wagt. Seine exponierte Situation läßt ihn zu Erkenntnissen kommen, die Grenzen überschreiten können, von denen andere sich respektvoll fernhalten. Wenn ihr Gefühlsleben nicht verarmt ist, nur scheu zurückgehalten wird, sind Schizoide sehr differenzierte und sensible Menschen, die eine tiefe Abneigung gegen alles Banale und Flache haben. Nur bei Gefühlsverarmung und Gefühlskälte können sie hinter dem eigentlich Menschlichen zurückbleiben.

In ihrem Verhältnis zur Religion sind sie meist Skeptiker, oft Zyniker, scharfsinnig im Aufweisen der »Unsinnigkeit« des Glaubens, kritisch gegen Riten, Traditionen und alles Formalistische. Sie entzaubern und ernüchtern überhaupt gern, bis zur ehrfurchtslosen »Erklärung« des Unerklärlichen – wofür ja eine aufgeklärte und vorwiegend naturwissenschaftlich orientierte Zeit Möglichkeiten genug anbietet. So sind sie oft die Rationalisten, denen für bestimmte Erlebnisgebiete das Organ fehlt, weshalb man mit ihnen auch darüber nicht diskutieren kann.

Aber oft scheint es, als ob diese Einstellung zur Religion oder zum Glauben auch eine unbewußte Enttäuschungsprophylaxe ist: Sie wagen es nicht zu glauben, um nicht enttäuscht zu werden, und warten heimlich doch auf den »Beweis«, der sie überzeugen könnte. Manchmal sind sie nihilistisch und destruktiv, genießen es diabolisch, wenn sie anderen ihren Glauben zerstören können. Aber in dem Bestreben, andere zu ihrem eigenen Unglauben zu bekehren, läßt sich doch wieder die Fragwürdigkeit ihrer Einstellung erkennen; vielleicht wollen sie auch nur mit ihrem Unglauben nicht allein bleiben. Die Schwergestörten unter ihnen können aus nie erlebter Geborgenheit und Liebe nicht gläubig sein und neigen zum Atheismus. Sie machen sich dann oft selbst zum Maßstab aller Dinge, was bis zu größenwahnsinniger Überheblichkeit und zur Selbstvergottung führen kann. Es ist dann, als ob die Zurücknahme ihres Interesses an der Welt und die immer ausschließlichere Zuwendung des Interesses auf die eigene Person, dieser eine Macht und eine Bedeutung gibt, die allmählich das ganze Bewußtsein ausfüllt. Manche können aber auch im Religiösen die nie erlebte Geborgenheit suchen und finden; es wird aber kein kindlicher Glaube sein, auch kein Glaube an einen persönlichen liebenden Gott. Viel eher das Annehmen von etwas überpersönlich Unerforschlichem, dem er die Würde des bedingt freien Individuums gegenüberstellt und das Bewußtsein der humanen Aufgabe des Menschen als Mensch, die für ihn verpflichtend ist. Ethik und Moral erscheinen dem Schizoiden eher fragwürdig. Er hält nicht viel von Forderungen, die den Menschen, wie er nun [55] einmal ist, überfordern und dadurch in Schuldgefühle stürzen. Er neigt überhaupt weniger als andere zu Schuldgefühlen. Durch seinen Kontaktmangel ist er weniger sozial angepaßt; egozentrisch, lebt er mehr die selbstbewahrenden Seiten und wertet danach, was ihm angemessen ist. So kann er eine »Herrenmoral« entwikkeln, die er nur für sich selbst als gültig anerkennt, voll Verachtung für die »Schwachen«, die sich durch moralische Bedenken gebunden fühlen, was ihm vorwiegend als Feigheit und mangelnder Mut zu autonomer Eigenständigkeit erscheint. Sind sie starke Persönlichkeiten, leben sie eine Eigengesetzlichkeit, für die der Satz »der Starke ist am mächtigsten allein« mit allen darin liegenden Möglichkeiten und Gefahren gilt. Nur der Starke hat die Kraft, sein früh ihm bewußt gewordenes Anderssein als die anderen als Wert zu setzen, wie es das Motto in diesem Kapitel ausdrückt. Der Schwächere und Brüchigere zieht sich beobachtend von der Welt zurück und sucht sich durch den Ausbau einer Privatwelt einen Ausgleich zu schaffen, um die anderen nicht zu brauchen. Auffallende, manchmal fast ausschließliche Hinwendung zu Tieren oder zur toten Materie kann so zustande kommen. Sind sie tiefer gestört, haben sie oft eine destruktiv-zersetzende Wirkung, werden asozial und benutzen andere skrupellos für ihre Zwecke.

Schizoide Eltern und Erzieher geben dem Kind zu wenig Wärme; sie bleiben ihm zu fern, können die Gefühlsbedürfnisse des Kindes nicht adäquat annehmen und erwidern, ironisieren oft alles Gefühlshafte bei ihm. Sie verunsichern das Kind leicht, indem sie es durchschauen und seine Motive zu früh psychologisch aufdecken, drängen es dadurch zu früh in die Selbstreflexion. Es friert in ihrer Umgebung und wird gestört durch ihre abrupten, ihm schwer einfühlbaren Reaktionen, die es gleichsam in Alarmbereitschaft halten. Es findet bei ihnen zu wenig Möglichkeiten für die liebende Identifikation, sie sind zu unerreichbar für das Kind. Sie haben aber oft eine gute Beziehung zum Kleinkind, dem gegenüber sie auch Zärtlichkeit zulassen können. Später verbergen sie ihre Zuneigung gern hinter spöttischer Ironie, die es dem Kinde schwer macht, das Gefühl zu bekommen, daß seine Liebe ein Wert sein, dem anderen etwas bedeuten könnte, weil es sich im Gefühl nie ernstgenommen erlebt. (»Mein Herr Sohn hat ja plötzlich zärtliche Anwandlungen«; »Mein Fräulein Tochter möchte wohl etwas aus mir herausholen, weil sie heute so liebenswürdig zu mir ist«.)

Auf Grund ihrer Struktur bevorzugen sie Berufe, die sie nicht in nahen Kontakt mit anderen bringen. Sie haben eine Neigung [56] zu theoretisch-abstrakten Gebieten, Exakte Naturwissenschaftler, Astronomen, Physiker, Mathematiker und Ingenieure finden sich unter ihnen besonders häufig. Wenn sie sich wissenschaftlich mit dem Menschen beschäftigen, geschieht dies gleichsam indirekt, auf Umwegen: über psychologische Testverfahren, über Mikroskope und Röntgenapparate oder, wie in der Pathologie, über den Toten. Die Seele wird ihnen leicht zu einer Anhäufung physiologischer Reflexe, und sie könnten mit Schopenhauer sagen: »Lieber Gott, wenn es dich gibt, rette meine Seele, wenn ich eine habe.« Ihre Psychologie hat oft etwas Aufdeckendes, entlarven Wollendes. Sie sind als Arzte mehr Forscher als Therapeuten, oft mit einer besonderen Beziehung zur Psychiatrie und zu den Grenzwissenschaften; als Theologen neigen sie mehr zur Religionswissenschaft als zum praktizierenden Geistlichen. Oft wenden sie sich vom Menschen ab, den Tieren, Pflanzen und Gesteinen zu, und erforschen die Welt mit den verbesserten Sinnesorganen von Mikroskop und Fernrohr mikro- und makroskopisch.

Man kann sich vorstellen, wie gefährlich in den Händen eines schwer schizoiden Wissenschaftlers Erkenntnisse und Machtmöglichkeiten werden können, der, menschlich ungebunden, autistisch nur seinen Ideen lebt und sie zu verwirklichen sucht. Neben Neigung und Begabung wird die Berufswahl bei ihnen oft dadurch motiviert, daß sie Gebiete suchen, auf denen sie eine von subjektiven Gefühlen ungetrübte verläßliche Erkenntnis zu finden hoffen. Als Philosophen sind sie oft die lebensfernen abstrakten Denker, wie ihnen ganz allgemein die Theorie mehr liegt als die Praxis.

In der Politik vertreten sie gern die revolutionären bis anarchistischen Elemente, ausgeprägte Extremstandpunkte, den Radikalismus; oder aber, sie sind politisch weitgehend desinteressiert Politik »geht sie nichts an«, aus ihrem solipsistischen Standpunkt heraus, den die Gemeinschaft, welcher Art auch immer, nicht interessiert.

In der Kunst liegt ihnen mehr die abstrakt-ungegenständliche Richtung. sie versuchen, ihre komplizierten Innenerlebnisse zu gestalten und drücken aiese eher verschlüsselt und symbolisch aus; oder sie sind die scharfen Kritiker, Satiriker und Karikaturisten. Ihr Stil ist meist eigenwillig, unkonventionell, jedenfalls originell, manchmal zukunftweisend. Wenn sie sich in ihrer Unbezogenheit an kein bestimmtes Publikum wenden, sondern über sich hinaus allgemein Menschliches und Grundsätzliches ausdrük ken, können sie neue Entwicklungen auslösen. Sie erfassen oft psychologisch-atmosphärische Dinge, deuten Unsagbares an und ragen in Bezirke, die von anderen nicht gesehen oder gemieden [57] werden, so daß ihre Werke unser Wissen vom Menschen vertiefen können. Sie sind selten zu ihren Lebzeiten populär.

Der Beruf wird ihnen leicht zum Job, weil es für sie letztlich unwichtig ist, womit sie ihren Unterhalt verdienen – sie führen ihr Eigenleben außerhalb des Berufes, bei ihnen findet man die meisten Liebhabereien und Hobbys. Sie ergreifen auch gern Berufe, die mit viel Einsamkeit verbunden sind und die wenig mitmenschliche Kontakte erfordern. Die Hinwendung zur Welt der Tiere, Pflanzen und Mineralien in irgendeiner Form ist nicht selten. Elektriker, das Verkehrswesen und andere Berufe, in denen sie unbewußt und symbolisch ihr Bedürfnis nach Kontakt und Verbundenheit gleichsam abstrakt erfüllen können, liegen ihnen.

Schizoide Menschen von Format können die Auslöser großer Umschwünge, Pioniere und Initiatoren sein. Denn diese die Fragwürdigkeit des menschlichen Daseins intensivst Erlebenden nehmen Dinge wahr, erleben Inferni und erleiden in ihrer Einsamkeit und Ausgesetztheit Grenzzustände, von denen sich Geborgenere keine Vorstellung machen.

Das Alter kann sie noch mehr vereinsamen und eigenartiger werden lassen. Aber manche verstehen es auch, weise zu werden. Im allgemeinen kann man sagen, daß schizoide Menschen leichter als andere zu altern verstehen; dank ihrer ihnen schon gewohnten Unabhängigkeit und Isolierung ertragen sie die Vereinsamung besser. Sie haben sich schon früh eine Eigenwelt aufgebaut, in der sie leben können, ohne zu sehr auf mitmenschliche Anteilnahme angewiesen zu sein. Sie fürchten auch den Tod weniger, nehmen ihn als Faktum unsentimental und stoisch hin. Da sie nicht so viel in die Welt und in die Menschen investiert haben, haben sie auch weniger zu verlieren und aufzugeben; sie hängen an nichts besonders stark, nicht einmal an sich selbst, und können daher leichter loslassen.

Die positiven Seiten schizoider Menschen zeigen sich vor allem in souveräner Selbständigkeit und Unabhängigkeit, im Mut zu sich selbst, zur Autonomie des Individuums. Scharfe Beobachtungsgabe, affektlos-kühle Sachlichkeit, kritisch-unbestechlicher Blick für Tatsachen, der Mut, die Dinge so zu sehen wie sie sind, ohne mildernde oder beschönigende Verbrämungen, gehören zu ihren Stärken. Sie sind am wenigsten beengt durch Traditionen und Dogmen irgendwelcher Art, sie machen sich von nichts abhängig, übernehmen nichts, bevor sie es nicht geprüft und durchdacht haben. Unsentimental, hassen sie allen Überschwang, alle Unklarheit und Gefühlsduselei. Sie vertreten ihre Uberzeugungen klar und kompromißlos und haben über alles ihre eigene selb[58]ständige Meinung. Sie haben meist eine ironisch-satirische Seite und einen scharfen Blick für die Schwächen anderer; man kann sie daher schwer täuschen und sie sind im mitmenschlichen Kontakt oft »unbequem«, weil wenig bereit, Unechtheit und Fassadenhaftes gelten zu lassen. Sie glauben an ihre Fähigkeiten und vermögen es, weitgehend ohne Illusionen zu leben; das Geschick möchten sie meistern, Schicksal ist ihnen etwas zu Uberwindendes der Mensch als Selbstgestalter seines Schicksals.

Zu erwähnen sind noch die schizoiden Menschen, die eine starke schizoide Struktur haben, aber darunter nicht leiden, sich daher als gesund empfinden. Sie bejahen ihre Autarkie und Bindungslosigkeit als Wert und leben sie auf Kosten anderer aus, die unter ihrer Rücksichtslosigkeit leiden. Hierher gehören viele Machthaber, überhaupt Menschen, die über andere verfügen und sie ohne Bedenken für ihre Zwecke benutzen – aus einer tiefen Menschenverachtung heraus.

Wenn hier und im folgenden die »positiven« Vertreter der einzelnen Strukturtypen in der Beschreibung zu kurz kommen, liegt es daran, daß das Prinzipielle der vier Persönlichkeitsstrukturen gerade an den randständigen Formen klarer aufzuzeigen ist; ich hoffe, daß niemand daraus eine Wertung ableitet; jede Struktur hat ihre Möglichkeiten der Entfaltung zu hohem Niveau.

Für den schizoiden Menschen ist es am wichtigsten, den Gegenpol zu seinem Streben nach Selbstbewahrung und Autarkie, die Seite der Hingabe, nicht zu vernachlässigen, sondern sie zur Ergänzung in dem Maße zu integrieren, daß die einseitige und überwertige »Eigendrehung« sich nicht verabsolutiert und ihn in die krankmachende Isolierung treibt, die ihn aus allen Bindungen fallen läßt. »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei«; der Bindungslose wird zu leicht unmenschlich. Wie wir im letzten Kapitel sehen werden, besteht bei allen vier Persönlichkeitsstrukturen die Neigung zur Faszination durch den jeweiligen Gegentypus; darin möchte ich einen uns unbewußten Drang zur Ergänzung, zur Befreiung von krank machender Einseitigkeit sehen; denn wir können keinen der vier Grundimpulse einfach auslassen und vor der ihm entsprechenden Angst ausweichen, ohne Schaden zu nehmen. Im Wagen vertrauenden sich Zuwendens, im Wagen der Selbstvergessenheit liegt die Hilfe, die aus gefährdender Vereinzelung herausfinden läßt und die Chance enthält, Zuneigung und Bindung nicht nur als Last, Fessel und Gefahr zu erleben, sondern auch als Gehaltenwerden, als Gemeinsamkeit des Erlebens und der Entwicklung und als Erweiterung unserer Ichbegrenzung durch einen Partner.




--------------------------------------------------------------------------------

(Fritz Riemann: Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. 390. Tsd. München: Reinhardt, 1990. S. 20-58.)

Paul ( gelöscht )
Beiträge:

05.04.2002 03:35
#4 RE: [Exzerpt] Schizoide Persönlichkeitsstruktur Thread geschlossen

@ F. Ich fände es interessant, die Debatte bei Gelegenheit fortzusetzen. Grüße, Paul

Paul ( gelöscht )
Beiträge:

01.04.2002 13:03
#5 RE: [Exzerpt] Schizoide Persönlichkeitsstruktur Thread geschlossen

... ich bin ja schlimmer, als ich dachte. Da kommt mir doch Vieles ziemlich bekannt vor. Das soll aber den Versuch, das Beste draus zu machen, nicht beeinträchtigen ...

aldonza ( gelöscht )
Beiträge:

01.04.2002 10:31
#6 RE: [Exzerpt] Schizoide Persönlichkeitsstruktur Thread geschlossen

daß der gute Riemann da zitiert wird. Was bei dem Herauspicken dieser Persönlichkeit jedoch vernachlässigt wird, ist dies, daß jeder Mensch insgesamt vier Persönlichkeitsanteile in unterschiedlicher Gewichtung in sich trägt, also selbst bei der Überbetonung des schizoiden Anteils die drei anderen durchaus vorhanden sind. Wenn ich scharf nachdenke, kriege ich die anderen noch zusammen - da wären der zwanghafte Anteil, der depressive und der hysterische, wobei sich schizoid (Wunsch nach Distanz; Abgrenzung) und depressiv (Wunsch nach Nähe), sowie zwanghaft (Wunsch nach Ordnung) und hysterisch (Wunsch nach Chaos) gegenüberstehen.

Wenn ich mich richtig erinnere, ist aber schon ein paar Jahre her, daß ich es gelesen habe. Ich kenne auch einige Menschen, die dieses Buch als ihre Bibel betrachten und Riemann als den Gott; für mich persönlich ist es eines von vielen psychischen Erklärungsmodellen der menschlichen Seele; wenn auch eine besonders gut strukturierte und logische.

Ich rate aber trotzdem von einer Überbewertung ab.

A. ( gelöscht )
Beiträge:

01.04.2002 10:31
#7 RE: [Exzerpt] Schizoide Persönlichkeitsstruktur Thread geschlossen

Gemeinsamkeit des Erlebens und der Entwicklung und als Erweiterung unserer Ichbegrenzung durch einen Partner.
>
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Das wäre was für das Sozialphobieforum!
Viele würden sich wohl selber wieder erkennen.

A.

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